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Kirchenbänke erstrahlen, beleuchtet durch die Fenster, in bunten Farben.

Christian Hennecke

Keine Angst, wir sind nicht betrunken!

Von der anderen Zukunft des Glaubens

15.05.2024

Kirchlich gesprochen sammeln gerade alle die Scherben ihrer zerbrechenden Gefüge ein: In den Freikirchen, den evangelischen bis hin zur katholischen Kirche bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass Machtmissbrauch und sexueller Missbrauch in jedem Systemgefüge möglich waren und das Vertrauen und den inneren Kern der eigentlichen frohen Botschaft für lange Zeit beschädigt haben – und skandalöses Unheil wirkten und wirken in vielen Menschen.

Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen bezeugen, dass immer mehr Menschen mit den selbstverständlich gesetzten Gefügen kirchlicher Gemeinden und Institutionen nichts anfangen können – und auch nichts für ihren eigenen Lebensweg finden. Und auch der eigene Weg der Sinnfindung und Sinngebung wird sich oft außerhalb der bekannten kirchlichen Institutionen ereignen.

Dieser Auflösungsprozess führt zu intensiven Auseinandersetzungen in den Kirchen, auch hier zur Polarisierung und zuweilen peinlichen Kämpfen um den richtigen Weg. Aber neben den Versuchen, durch notwendige Reformen die Kirche wieder authentischer und ausstrahlender zu machen, neben den Versuchen der bestandserhaltenden Umstrukturierungen wächst auch die Einsicht, dass es eine andere Zukunft geben muss als nur den Versuch, den Übergang zu verwalten.

Und diese andere Zukunft aber ist pfingstlich. Sie ist nicht steuerbar. Und sie ereignet sich schon. Sie ist paradoxerweise ein Zeichen für die Wirksamkeit der frohen Botschaft – und eben nicht ein Hinweis auf ihren Niedergang. Allerdings ist sie nicht so hübsch überschaubar wie Bilder der Vergangenheit es suggerieren. Das katholische Aquarium einer einhegenden Sozial- und Hierarchiekontrolle ist Vergangenheit, die Sozialgestalten des Christentums, vom Verband über die Orden bis hin in die Gemeinden, verflüssigen und verwandeln sich.

Wer aber den Pfingstgeist erwartet, für den ist dieser Moment der entscheidende Anruf, die Wirklichkeit des Evangeliums mit neuen Augen wahrzunehmen: Ist es nicht eine Zeit der Reife, wenn Menschen wirklich in Freiheit und Riskiertheit ihren eigenen Weg wagen? Wenn alles darauf ankommt, die eigene innere Stimme und Richtungsweisung zu entdecken, ist dann nicht die Herausforderung der eigenen Menschwerdung ins Zentrum allen Handelns gerückt? Und ist nicht die Entdeckung der eigenen Gaben die Voraussetzung für jede Form von Miteinander in Freiheit.

Pfingsten feiern wir, dass diese Botschaft für alle verständlich war, dass sein Geist die Verbindung unter den Menschen schuf. Es waren nicht die Institutionen, es war nicht ein Glaubensinhalt, es war nicht eine Doktrin. Es war der Geist, der Verbindung schuf und zugleich Menschen mit Leben erfüllte.

Pfingsten war damals so unwahrscheinlich wie heute: die Anwesenden dachten, dass die Boten dieser Botschaft im rauschhaften Zustand handelten. Sie hatten recht, aber sie waren nicht betrunken, sondern begeistert – begeistert von der neuen Möglichkeit des Lebens in Fülle.

Wenn nun Pfingsten als Geburtsfest der Kirche gelten kann, dann sollten auch wir heute nichts weniger erwarten: eine neue Geburt – eine noch unbekannte Zukunft, eine noch unbekannte Konfiguration.

Das Ende einer bestimmten Form der Institutionalität und Gestalt der Kirche darf uns neugierig machen. Neugierig und selbst begeistert gilt es, den neuen Weg des Evangeliums in unserer Zeit zu gehen und zu entdecken.

Und paradoxerweise erleben wir dasselbe in Politik und Gesellschaft, vor Ort und in unserem Land und weltweit.

Keine Angst, die Zukunft kommt. Keine Angst vor der Neugeburt. Keine Angst, denn der Geist weht auch heute.

Christian Hennecke


Foto:  BPBricklayer auf pixabay.com

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