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Ludger Schepers

Wieder wüten Waffen

21.11.2018

Wieder wüten Waffen im Heiligen Land – das oft gar nicht so heilig ist. In den vergangenen Wochen schlugen wieder Raketen in Gaza-Stadt ein. Sie wurden abgefeuert als Reaktion auf Raketen aus dem Gazastreifen. Damit hatte die israelische Armee Ziele angegriffen, die sie der Hamas und anderen palästinensischen Gruppen zuordnete. Die Angriffe waren so heftig, wie zuletzt im Gazakrieg 2014. Überraschend verkündete die palästinensische Seite, die Angriffe auf Israel vorerst auszusetzen. Ebenso überraschend stimmte die Regierung Israels dieser Entscheidung zu. Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman kündigte daraufhin seinen Rücktritt an und protestierte damit gegen die Waffenruhe.

Mich berühren diese Nachrichten. Im Oktober konnte ich zusammen mit 24 Ordensleuten aus dem Bistum Essen zehn Tage nach Israel und Palästina reisen. Wir waren in Galiläa. Hatten beinahe die Grenze zu Syrien im Blick. Auf den Golanhöhen waren wir nur 60 Kilometer von Damaskus entfernt. Von Jerusalem aus waren wir in Emmaus Qubeibe, das im Westjordanland liegt. Es sind die Grenzen, die mir noch sehr lebendig in Erinnerung sind. Es sind vor allem aber die Menschen, an die ich in diesen Tagen intensiv denke und für die ich bete.

In Ibilin in Galiläa haben wir Elias Chacour getroffen, den emeritierten melkitischen Bischof von Galiläa. Elias war acht Jahre alt, als seine Familie 1947 von israelischen Soldaten aus dem Heimatdorf vertrieben wurde. Er war zu einem „Flüchtlingen im eigenen Land“ geworden. Von seinem Vater lernte er, sich in die Verletzungen seiner Angreifer hineinzuversetzen. Er kam zu der Erkenntnis: Sie werden es nicht schaffen, dass ich sie hasse. Dies wurde zu einem Leitspruch seines Lebens.

Unter Lebensgefahr kämpft Chacour unbeirrt für Versöhnung und Frieden. Für sein Wirken saß er mehr als 30-mal im Gefängnis. Dreimal wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. Nach einem langen Kampf mit den israelischen Behörden gelang ihm 2003 die Gründung der ersten christlich-arabische Hochschule in Israel, Mar Elias Educational Institutions. Mehr als die Hälfte der Studierenden sind Frauen und Muslime. In den verschiedenen Einrichtungen – vom Kindergarten bis zur Universität – werden zurzeit mehr als 4.500 junge Menschen ausgebildet.

Eine zweite Begegnung: In Emmaus-Qubeibe im Westjordanland haben wir Sr. Hildegard Enzenhofer getroffen, die dem Orden der Salvatorianerinnen angehört. Sie leitet ein Altenheim für behinderte Frauen, die immer noch von ihren Familien nicht akzeptiert und in Hühnerställen oder Zisternen versteckt werden. „Wir könnten in der Woche 100 alte oder behinderte Menschen aufnehmen“, sagt Sr. Hildegard. Darüber hinaus baut sie in Zusammenarbeit mit der Universität Betlehem eine Krankenpflegeschule auf. In einer Zeit, in der die meisten Männer arbeitslos sind, studieren Frauen dort unter hohem persönlichem Engagement und bekommen dadurch eine Möglichkeit, ihre Familien zu ernähren.

Die Waffen sind die tötende Realität in Israel, Palästina und der ganzen Welt. Menschen wir Elias Chacour und Sr. Hildegard und viele andere sind die Leben-spendende Wirklichkeit.

 

Weihbischof Ludger Schepers, Essen


                                       Foto: pixabay.com

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