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Das brennende Herz

Brennendes Herz aus Teelichter

Das brennende Herz

von Peter Stellnberger

Wir kennen diesen Moment: wenn jemand ganz von einer Sache erfüllt ist und die Augen zu strahlen beginnen. Wir kennen das Gefühl: wenn wir uns einer Tätigkeit hingeben und die Zeit stillzustehen scheint. Dann brennt ein Feuer, eine Leidenschaft in uns, trägt uns, motiviert uns und gibt uns Kraft. Im folgenden Artikel möchte der Autor, Peter Stellnberger, einen Einblick geben, wie er als junger Christ seinen Leidenschaften nachspürt.  

Für mich hat seine Leidenschaften zu leben auch ganz stark damit zu tun, seiner Berufung, seinem Persönlichen Ideal nachzuspüren. Was ist Berufung? Aristoteles hat es so prägnant formuliert: „Wo sich deine Talente und die Bedürfnisse der Zeit treffen: das ist deine Berufung.“ Die eigene Berufung zu entdecken setzt aber auch voraus, in sich zu gehen. Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich erleben? Wo sind meine Stärken, wo sind meine Schwächen? Welche Sehnsüchte liegen tief in mir? 

Ein fragendes Herz

Systematisch zum Beispiel im Rahmen von Exerzitien seiner Berufung und seinen Leidenschaften nachzuspüren, kann helfen. Doch jeder weiß, wenn man etwas ganz fast krampfhaft erreichen will, dann funktioniert es nur schwer. Rainer Maria Rilke schreibt in seinen „Briefen an einen jungen Dichter“ (Ausgabe Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019):

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Ein hörendes Herz

Doch damit man nicht in das Hamsterrad des Alltags kommt, ist es für mich ganz wichtig, mir Momente der Stille, Zeiten des Gebets zu nehmen. Zu einem festen Ritual sind für mich das tägliche Abendgebet und das Schreiben eines (geistlichen) Tagebuches und Aufenthalte in einem Kloster geworden. Im Prolog zur Regel des Hl. Benedikt heißt es: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“ (RB, Prolog 1) 

Reicht es also, sich einfach ein paar Tage Auszeit zu nehmen, ein paar Fragen zu beantworten, und schon hat man ein für alle Mal seine Berufung, seine Lebensaufgabe gefunden? Natürlich nicht! Ich tue mir persönlich auch schwer, meine Leidenschaften auf eine konkrete Berufung zu reduzieren. Meine Neigungen sind dafür zu breit, von Kunst, Mode über Geschichte, Politik und Pädagogik. Für mich, der eine Vollzeitbeschäftigung als Assistent im Kabinett der österreichischen Außenministerin nachgeht, nebenbei noch berufsbegleitend Wirtschaftspädagogik studiert, geht es eher darum, mit einem guten Zeitmanagement alles zu koordinieren. Ich wurde unlängst von einem Studienkollegen gefragt, wie meine berufliche Tätigkeit und mein Studium zusammenpassen, warum ich so viele unterschiedliche Interessen habe und mich nicht auf Eines konzentriere. Eine gute Frage! Ich habe versucht, bei allen meinen Tätigkeiten wie in der Mathematik den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden: Es ist die direkte Interaktion mit den Menschen. Also egal, ob ich Termine koordiniere, Gäste betreue oder Schüler unterrichte – ich versuche immer, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, auf seine Bedürfnisse einzugehen und von ihm zu lernen.  

Das Leben selbst zeigt den Weg

Ein Mensch, der mir auch auf dieser Sinnsuche geholfen hat, war der Wiener Psychiater und KZ-Überlebender Viktor E. Frankl, der durch sein eigenes Leben, seine Bücher und der von ihm entwickelten Logotherapie mir ein großes Vorbild wurde. In seinem Buch „Ärztliche Seelsorge“ (Paul Zsolnay Verlag, S.106 f.) schreibt er, dass die Frage nach „der“ Aufgabe oder „dem“ Sinn des Lebens sinnlos ist. Es wäre so, als würde ein Schach-Weltmeister gefragt werden, was der beste Schachzug ist. Diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig beantworten, da diese immer nur auf die konkrete Situation (und Person) beantwortet werden kann. Ein Schachspieler solle so handeln, nach Maßgabe seiner eigenen Fertigkeiten und nach dem, was durch den Gegner möglich ist. Frankl meint auch, dass wir nicht nach dem Sinn fragen sollen, sondern dass das Leben selbst dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der zu antworten hat. Und diese Antworten zu verantworten hat. 

Dieser Ansatz hat mir eine gewisse Gelassenheit gegeben: Ich muss jetzt noch nicht genau wissen, was ich in fünf Jahren beruflich oder privat tun werde. Es reicht, auf die Fragen des Lebens, die kleinen und großen Entscheidungen täglich zu antworten. Es reicht auch, sich nach Kräften zu bemühen – es muss nicht die absolute perfekte Lösung sein. Frankl wurde als älterer Mann gefragt, ob er Angst vor dem Sterben hat. Er verneinte. Wenn er im Großen und Ganzen das Seinige getan hat, also das getan hat, was das Leben von ihm gefordert hat, dann kann er guten Gewissens sterben. So frage ich mich auch täglich beim Abendgebet in der Tagesrückschau: Habe ich heute das Meinige getan? Hab ich das getan, was mir möglich war? 

Ein gläubiges Herz

Als Christ darf ich glauben, hoffen und vertrauen, dass wir bei diesen Fragen und Entscheidungen des Lebens nicht allein sind. Wir dürfen glauben, dass Gott eine einzigartige Berufung und Talente in uns gelegt hat, die es zu entfalten gilt. Wir dürfen vertrauen, dass Gott einen Plan für uns hat und, auch wenn es zum derzeitigen Zeitpunkt schwer zu sehen ist, vertrauen, dass es „gut“ werden wird. 

Ein liebendes Herz

Mir scheint es, dass es oft gar nicht konkret um die Aufgabe als solche geht, sondern viel eher um die Einstellung, mit der wir eine Tätigkeit verrichten. Der Kirchenlehrer Augustinus, der vielfach mit einem brennenden Herzen dargestellt wird, schreibt in seinen Predigten zum 1. Johannesbrief:

„Ein für alle Mal wird dir ein kurzes Gebot gegeben: Liebe und tu‘, was du willst! Schweigst du, so schweige aus Liebe; redest du, so rede aus Liebe; rügst du, so rüge aus Liebe; schonst du, so schone aus Liebe: Trage Liebe in deinem Herzen; aus dieser Wurzel kann nichts anderes als Gutes hervorgehen.“ (Predigt zu Joh 7,8)

Auf der Uni oder im Beruf kann ich mir auch vielfach die Aufgaben nicht aussuchen, aber dennoch versuche ich, sie mit Liebe zu machen.
In der Schönstattbewegung gibt es die Idee, unser Leben nach unserem ganz eigenen Persönlichen Ideal auszurichten. Für mich hat sich in den Jahren der Suche das Zitat: „Fröhlich sein, Gutes tun, und die Spatzen pfeifen lassen“ von Johannes Bosco als ein solches erwiesen.
So möchte ich täglich mich freuen und Freude verbreiten, meinen Mitmenschen Gutes tun und mit Gelassenheit auch einmal Dinge nicht ganz so ernst nehmen. 

Peter Stellnberger

geb. 1994, arbeitet als Assistent im Kabinett der österreichischen Außenministerin. Berufsbegleitend Studium der Wirtschaftspädagogik. Mitglieder Schönstatt-Bewegung und Oblate des Benediktiner Stiftes Admont.

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Foto: © MISHELA | stock.adobe.com

 

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