Gute Aussichten
31.12.2025
Es reicht. Es muss jetzt Schluss sein. In den vergangenen Jahren haben wir uns mitreißen lassen… von der Polarisierung, von der Empörungskultur, von einer unerträglich werdenden Flut vieler Schreckensnachrichten und Zeitenwenden, von vielen gefühlten und erlebbaren Dysfunktionalitäten. Wir sind aggressiver und ungeduldiger geworden. Und wir sind zukunftsskeptisch bis hoffnungslos gestimmt, wenn es um die Zukunft Europas geht – und der ewigen politischen Konsensstreitereien ohne echte Lösungen und Aufbrüche satt. Hinzu kommen neue und alte Autokraten, die Apotheose willkürlicher Macht. Die Liste des Grauens ließe sich fortführen.
Aber, wie gesagt: es reicht jetzt. Wir sind nicht ohnmächtig. Im neuen Jahr braucht es eine Umkehr. Zumindest dann, wenn wir ernstnehmen, dass Gottes Geist wirkt. Denn dann, wenn wir unseren Stand in der Erfahrung der Gegenwart seines kreativen Geistes suchen, wenn wir Stand finden im Glauben an die Gegenwart Gottes als Immanuel, dann wendet sich die Zeit, dann wendet sich der Blick. Wir entdecken mitten in den düsteren Horizonten und Glaubenssätzen unserer Gesellschaft, dass der tiefe Wandel vor allem dann nach vorne weist, wenn wir seinen kreativen Geist wirken sehen. Denn so, wie ich die Welt wahrnehme, kann sie sein. Wir können uns in den Untergang und die die ohnmächtige Finsternis schauen – und so wird es dann kommen, oder wir können den Anfang des Lebens und des Lichtes in den vielfältigen Erfahrungen von Solidarität, unbändigem Leben, kreativer Liebe entdecken und in den Vordergrund rücken. All das geschieht in unserer Welt – und nicht zu wenig.
Aber der Startpunkt für solche andere Weltsicht ist nicht beliebig. Es geht ja nicht um einen rosaroten optimistischen Blick auf eine dunkle Welt, und es geht nicht um eine Naivität, die nicht den notwendigen Wandel und die Grausamkeit enthemmter Gewalt wahrnehmen will. Es geht um einen Standpunkt und um eine Standhaftigkeit, die sich gründen muss in der Gewissheit und dem Glauben, dass Gottes Geistkraft auch heute die Welt und die Geschichte bewegen wird. Der Startpunkt gründet also im Weihnachtfest, dem Fest der Menschwerdung: Gottes Wirklichkeit inmitten des Chaos der menschlichen Welt und Geschichte ist kreativ und schafft die Welt neu. Mit dem II. Vatikanischen Konzil gesprochen: „Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind.“ (GS 11)
Das bedeutet nicht, dass die Dunkelheit neuer Autoritarismen und der sinnlose Tod so vieler Unschuldiger, das Sterben liebgewordener Muster und Strukturen, der Umbruch in eine (auch für Christen) sehr andere Welt nicht geschieht – all das geschieht, und wir brauchen es nicht verdrängen. Aber es bedeutet auch, dass wir in der Gegenwart mit Mut und Leidenschaft das Neue wahrnehmen, das von Gott kommt – und mutig und kraftvoll mitwirken. In diesen Zeitenwenden braucht es unsere Wende, damit gottvolle Zukunft geboren werden kann. Das wären dann gute Aussichten.
Dr. Christian Hennecke, Hildesheim
Foto von Markus Spiske: https://www.pexels.com/de-de/foto/schwarzes-metallrohr-unter-weissen-wolken-97046/









