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Robert Zollitsch

Wenn die Angst regiert

26.09.2018

Das neue Buch von Bob Woodward über den amerikanischen Präsidenten Trump trägt den kurzen, aber herausfordernden Titel „Fear“ – Angst. Die Unberechenbarkeit des Präsidenten löst Angst aus – unter seinen Mitarbeitern und vielen Menschen im Land und darüber hinaus. Was unbekannt und nicht abschätzbar ist, verunsichert.

Dies gilt nicht nur für Amerika. Auch bei uns gilt, so das Ergebnis einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach: Die weltweiten Krisen und das politische Durcheinander in Deutschland verunsichern selbst die Generation der Mitte, die Dreißig bis Neunundfünfzigjährigen, die gesellschaftlich tragend sind und denen es größtenteils gut geht. Hatten in unserem Land 2015 noch 49 Prozent der Menschen Vertrauen in die Politik, so sind es 2018 nur noch 27. Erklärt das kaum noch nachvollziehbare Gerangel innerhalb der Regierung und den Parteien in Berlin genügend die Verunsicherung und Angst, die sich auszubreiten scheint?

Die derzeitige Generation des Wohlstands lebte bisher nach der Regel: Wenn die Wirtschaft brummt, ist auch die Stimmung gut. Nun ging es den Menschen in unserem Land in der Breite noch nie so gut wie heute und viele finden laut Umfrage die eigene wirtschaftliche Situation heute besser als vor fünf Jahren. Die Angst vor dem sozialen Abstieg hat abgenommen. Trotzdem ist die Stimmung gedrückt.

Muss uns dies nicht nachdenklich machen und den Blick weiten? Wer seine Sicherheit allein im wirtschaftlichen Wohlstand, im beruflichen Erfolg und in der finanziellen Absicherung sieht, erfährt seine Grenzen. Wohlstand allein trägt unser Leben nicht. Angst und Klage befreien nicht. Sie verstärken sich gegenseitig. Wer sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, allein sich und sein eigenes Empfinden im Blick hat, endet in der Sackgasse. Wer nur die Partei sucht und wählt, die seinen eigenen Interessen zu dienen scheint, trägt zur Spaltung und damit zur Verunsicherung bei. Das von der Angst um das eigene Profil und vor einer Wahlschlappe getragene Agieren von Politikern schafft kein Vertrauen, sondern führt zu Ärger, zu Distanz und Verunsicherung.

Der Blick darüber hinaus weitet und macht frei: Der Einsatz für die gemeinsame Sache sprengt unsere Enge. Wer über sich selbst und die eigene Klientel hinausschaut, wer anpackt und aufbaut, entzieht der Angst den Grund. Gemeinsame Wahrnehmung von Verantwortung strahlt aus und führt in die Zukunft.

Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch,  Freiburg


Foto: pixabay.com

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