Wenn Quellen versiegen
28.10.2026
Mehrfach bin ich seit den 2000er Jahren zur Thüringer Hütte in den Hohen Tauern aufgestiegen. Regelmäßig halte ich auf etwa 1900 Metern inne, um mich für die verbleibenden rund 340 Höhenmeter zu stärken. Bis vor wenigen Jahren gab es neben dem hier befindlichen „Gott-sei-Dank-Bankerl“ eine sprudelnde Quelle, aus der man schöpfen konnte; eine willkommene Erfrischung bei den Strapazen des Aufstiegs. Die Erinnerung an diesen Moment hat sich mir tief eingeprägt. Allein, die Quelle spendet seit einiger Zeit keinen Tropfen Wasser mehr. Sie ist versiegt.
Mit Blick auf die aktuelle Lage der einst so erfolgreichen Gründungsparteien nach 1945 im Westen Deutschlands will mir dieses Bild von der ausgetrockneten Quelle am „Gott-sei-Dank-Bankerl“ nicht mehr aus meinen Gedanken weichen. Die Wahlen zu den Landtagen in Ost- und Mitteldeutschland haben diesen einst prägenden Parteien einen bisher kaum für möglich gehaltenen Zustimmungsverlust bescheinigt. Aber auch im Westen nimmt deren Bindungskraft ab. Die Liberalen schafften seit dem Scheitern der Berliner Ampel den Wiedereinzug weder in den Bundestag noch in einen der zu wählenden Landtage.
Erstmals scheiterte auch die CDU an der 5%-Hürde. Die SPD blieb jenseits der persönlichen Beliebtheit von Amtsinhabern im Osten einstellig. Erneuerung ist angesagt. Doch wo sind die Quellen für eine Frischekur? Liberale Überzeugungen, nach denen der Mensch zu allererst für sich selbst sorgen und der Staat sich weitgehend zurücknehmen sollte, finden im allgemeinen Mainstream schon seit längerer Zeit kaum noch Gehör, geschweige denn werbende Verbreitung. Der SPD sind ihre früheren Wähler aus der Arbeiterschaft in Scharen an die politischen Ränder von AfD und Linkspartei davongelaufen. Und für die Unionsparteien, die über Jahrzehnte auf engagierte Christen aus den katholischen und evangelischen Jugendorganisationen setzen konnten, befinden sich die Kirchen in einem geradezu dramatischen Sinkflug. Einzig die erstmals 1983 im Bundestag vertretenen Grünen machen hier eine Ausnahme.
Für die anderen klassischen „Mitte“-Parteien gilt: Erfolgreiche Politik, überzeugendes Personal und eine zustimmungsfähige Programmatik gehören zu den zwingenden Voraussetzungen, um wieder mehr Menschen im Land zu erreichen. Doch allein das genügt nicht. Wo sind die Quellen, aus denen die Parteien gerade in Krisenzeiten für die notwendige Erneuerung schöpfen konnten? Die Beantwortung dieser Frage geht weit über das Schicksal der betreffenden Parteien hinaus. Sie geht uns alle an. Für den Fortbestand der Demokratie in unserem Land ist diese Frage existentiell.
Christine Lieberknecht
Ministerpräsidentin von Thüringen a. D.
Foto von Gizem Gökce: https://www.pexels.com/de-de/foto/erfrischendes-naturerlebnis-mit-brunnenwasser-36110367/

Christine Lieberknecht
Ministerpräsidentin von Thüringen a. D.
Basis Kommentare
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