Pflaume im Gespräch
23.09.2026
Während man kiloweise Obst schnippelt, kann es schon einmal passieren, dass man mit der Frucht des Tages ins Gespräch kommt. Meine heutige Gesprächspartnerin? Die Pflaume. Glänzend violett liegt sie vor mir – zusammen mit ihrer süßen Großfamilie und bereit für Marmelade, Smoothie & Co. Wie es dazu kam, diese supertolle Frucht zu einem Schimpfwort verkommen zu lassen? Nun, ich kann es der knackig-sympathischen Pflaume in meinen Händen nicht erklären. Ganz schön ungerecht, finde ich.
Wann ich zuletzt angepflaumt worden bin? Ganz ehrlich, ich kann mich nicht erinnern. Ich Glückliche! Ob ich in letzter Zeit anpflaumend unterwegs war? Durchaus möglich. Obwohl viel öfter meine technischen Alltagsgegenstände Ziel von Anpflaum-Attacken sind, als meine lieben Mitmenschen. Da muss schon viel passieren, damit mir im zwischenmenschlichen Miteinander ein „Du Pflaume!“ über die Lippen kommt. Bei Handy, Garagentor, Navigationsgerät und Küchenmaschine hingegen bin ich nicht immer zimperlich und pflaume gerne mal vor mich her. „Nicht lustig!“, meint die Pflaume in meiner Hand. Stimmt, denke ich und belese mich rund um die anpflaumende Redensart.
Vermutlich, so manch schlaue Internetquellen, galt das Bild einer überreifen, weichen und matschigen Pflaume bereits zu früheren Zeiten als Metapher für eher untalentierte sowie moralisch inkonsistente Menschen. Warum wohl gerade die matschige Pflaume zum Vorbild einer Redensart wurde? Hätte man die knackige Version erwischt, wäre aus „Du Pflaume!“ fast schon ein Kompliment geworden – knackig, süß und voller Vitamine.
Apropos Anpflaumen: Immer wieder ist davon zu lesen, dass Beschimpfungen, Beleidigungen und verbale Entgleisungen in unserer Gesellschaft spürbar zugenommen haben. Anpflaumen ist IN – und ist zugleich nichts Neues. Mit wenig Stolz muss ich feststellen, dass die „Ellenbogengesellschaft“ und ich im selben Jahr geboren wurden, nämlich 1982. Ich als Baby, die Ellenbogengesellschaft als Wort des Jahres. Mittlerweile gibt es ganz andere Unwörter und Gesellschaftsvisionen, die alles andere als erstrebenswert sind. Umso wichtiger ist es, im guten Gespräch zu bleiben und zu betonen, was gut und wichtig ist. Die Tatsache, dass laut Dudenredaktion noch nie so viel geschrieben und kommuniziert wurde wie heute, macht in diesem Zusammenhang viel Hoffnung und weitet den Blick über manches Pflaumengedöns hinweg.
Zugleich gebe ich Sigmund Freud Recht, der einmal sagte: „Derjenige, der zum ersten Mal anstelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.“ Vielleicht, so ein Gedanke, muss sich Zivilisation immer neu gründen. Mit Worten, die verbinden, statt zu trennen. Mit Gesten, die Mut machen statt mutlos zu machen. Mit Überzeugungen, die in die Zukunft führen, statt in die Geschichte zurück zu marschieren. Ich für meinen Teil marschiere wieder zu meinen Pflaumen schenke den süßen Früchten ein Lächeln. Angepflaumt wird hier heute keiner!
Kathrin Karban-Völkl, Kemnath
Texterin www.diewortmacherei.de
Foto: Kathrin Karban-Völkl









