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Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Papst Franziskus hat mit seinem Schreiben „Amoris laetitia“ Perspektiven zum Thema Ehe und Familie eröffnet. Ganz biblisch ändert er „kein Jota und kein Strichlein vom Gesetz“ (Mt 5,18), fordert aber, ebenfalls ganz biblisch, einen neuen Umgang mit allen, die aus den verschiedensten Gründen dem Ideal und Leitbild der Ehe und Familie nicht nachkommen können. Der Papst hat sein Schreiben bewusst im Rahmen des Jahres der Barmherzigkeit veröffentlicht, um zu verdeutlichen: Hier geht es nicht um Glaubenskosmetik, sondern um entscheidende Grundhaltungen christlichen Lebens.

Mit diesem Schreiben trifft er genau in das wirkliche Leben der Familien und das Zusammenleben der Generationen. Die ältere Generation hat sich in ihren Vorstellungen und Verhaltensweisen oft an den Wegweisungen der Kirche orientiert, so etwa in Fragen des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, in Fragen der Empfängnisregelung oder in der Art und Weise, wie sie ihre Rollen in der Familie wahrnahmen.

Distanz zwischen den Generationen

Nun aber erlebt diese ältere Generation als Eltern, dass viele der Kinder anders denken und auch anders handeln. Man kann davon ausgehen, dass 95 Prozent der Paare vor einer Hochzeit, sofern eine solche überhaupt zustande kommt, zusammenleben. Die Statistik zeigt, dass sich nur ein geringer Prozentsatz – man rechnet mit etwa zwei Prozent der deutschen Bevölkerung – an die kirchliche Vorgabe der natürlichen Empfängnisregelung hält. Manche Eltern erfahren eines Tages, dass ihr Sohn sich zu einem Mann oder ihre Tochter sich zu einer Frau hingezogen fühlt. Schwer fällt ihnen die Einsicht, dass diese sexuelle Orientierung schon vor der Geburt festgelegt ist und nicht mehr geändert werden kann.

Das betrifft nun nicht etwa nur junge Menschen und Paare, die kirchenfern sozialisiert sind, sondern auch Paare aus aktiven kirchlichen Kreisen, auch aus Intensivgemeinschaften wie den Geistlichen Bewegungen. Unterschiedlich angelegte Lebensentwürfe stehen oft innerhalb einer Familie nebeneinander und erschweren ein ungezwungenes Miteinander der Generationen. Bei allem guten Willen fällt es schwer, die eigenen Standpunkte einander zu verdeutlichen.

Die ältere Generation

Eltern sind oft hin- und hergerissen, wie sie mit dieser Erfahrung umgehen sollen. Manchmal geben sie sich zudem die Schuld, in der Erziehung und Vermittlung von Werten versagt zu haben. Doch ist für sie klar, dass ihre Kinder immer ihre Kinder bleiben, gleich in welche Lebensumstände diese sich begeben. Und dennoch treibt sie um, dass ihre Kinder den wichtigen Bereich von Liebe, Sexualität, Partnerschaft und Ehe so anders gestalten.

Es wäre nun zu einfach zu sagen, dass sich die junge Generation nicht mehr an „gottgewollte“ Vorgaben hält oder sich in einem sittlichen Verfall über gut begründete Grenzen hinwegsetzt. Wie können Eltern im Jahr der Barmherzigkeit sich gegenüber ihren Kindern und Enkeln verhalten? Sollen sie etwa nur deren „Unwissenheit“ und Andersartigkeit akzeptieren und sie der Gnade Gottes anempfehlen?

Die jüngere Generation

Versetzt man sich in das Lebensgefühl der jüngeren Generation, sieht das völlig anders aus. Diese erlebt die ältere Generation, besonders wenn sie kirchlich geprägt ist, oft als verkrustet, ewig am Althergebrachten hängend und sich an Vorstellungen orientierend, die hinterfragt werden müssten. So manche Paare, die unverheiratet zusammenziehen, möchten ihre Eltern aber nicht vor den Kopf stoßen. Dennoch haben sie ihre Werte und eigenen Gründe, ihr Leben anders zu gestalten – auch wenn ihre Eltern das nicht gut heißen.

Wenn die Jungen sich auf das Jahr der Barmherzigkeit einlassen, werden sie wohl eher die Barmherzigkeit gegenüber den Eltern und der Institution Kirche so verstehen: Wir sind ernsthafte und glaubende Menschen und möchten in der Kirche und mit der Kirche leben. Wir möchten mit der älteren Generation nachsichtig sein und hoffen, dass auch sie in der Gegenwart ankommen.
Im Dialog miteinander

Folgerungen, die sich ergeben:

  • Dem Miteinander der Generationen nützen keine wechselseitigen Vorwürfe oder Besserwisserei. Es hilft nur der ehrliche und geduldige Dialog miteinander.
  • Alle Ebenen der Kirche und der Generationen müssen gemeinsam ausloten, was zur Ordnung Gottes in seiner Schöpfung gehört, was dagegen zeitbedingte Vorstellungen oder nur Gewohnheiten sind.
  • Die Normen und Werte der Kirche müssen sich sowohl an dem Doppelgebot der Liebe orientieren als auch das Leben in Fülle (Joh 10,10) fördern. Das erfordert eine Haltung, die nicht verurteilt, die aber auch nicht gleichgültig ist. Notwendig ist wohlwollendes Verständnis für die Situationen und Möglichkeiten von Einzelnen und Paaren.

Hubertus Brantzen

Foto: RPI Graz

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