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Fußball-Fieber

10.06.2026

Die Formulierung macht nachdenklich. Bei Fieber ist man eigentlich krank. Für manche, die nur zuschauen, nichts verstehen, scheint das derzeitige Fußball-Fieber wirklich krankhaft. In einer Fernsehumfrage dieser Tage gab es solche Äußerungen: ‚Wie können die jetzt nach Amerika fahren?‘ Andere lässt solche Ablehnung achselzuckend zurück. Locker, ja gleichgültig sehen sie die hochgekletterten Erwartungen.

Fußball hat seine Reize, wie jeder Sport, vor allem wenn Teamgeist und Zusammenspiel entscheidend sind. Da zählt die Mannschaft, nicht der einzelne. Die Begeisterung, das Ziel, gemeinsam zu gewinnen, ist echt. Das ist gerade heute ein großer Gewinn.

Freilich – schon an den Wochenenden, wenn ich die Berichterstattung über die deutschen und europäischen Stadien und ihre Mannschaftsergebnisse in den Nachrichten sehe, spüre ich in mir Fragen. Nicht so sehr die Mannschaften; eher die vielen Zuschauer machen mich nachdenklich. Eine Woge von Menschen strömt zum Stadion. Woher kommt dieser stille Zusammenschluss so vieler, meist noch im gleichen Trikot. Es muss klar sein, für welche Mannschaft man kommt. Hier stehen, fuchteln und sitzen sie dann. Ein großer Block. Gedränge. Spruchbänder unterstreichen, was man brüllt. Diese Massen! Ja Massen, keine Individuen mehr. Ich verkneife mir oft die Frage, was dagegen andere Angebote unattraktiv macht oder unsere Kirchen so leer sein lässt. Was fehlt da? Wie schafft man Begeisterung, Zielklarheit für viele?

Diese Frage bleibt wichtig angesichts großer Spaltungen und Unsicherheiten in unserer Welt. Egal ob mit oder ohne Fußball-Fieber – mich muten die Nachrichten derzeit jedenfalls besonders eigenartig an. Da fahren die einen zur Weltmeisterschaft in die USA. Begeisterung pur. In den gleichen Nachrichten sehe ich vieles andere: politisches Gerangel um Fragen, die eigentlich alle betreffen; Gefechte und Rauchwolken über einem Gebiet; Menschen, die ihr Haus verloren haben, verletzt sind oder voller Angst, weil sie nicht wissen, wie es morgen sein wird. Ja, hier steht derzeit manches gegeneinander.

Das bleibt die belastende, die negative Seite. Doch in der Weltmeisterschaft soll auch das Positive nicht versteckt bleiben. Auch hier stehen Länder gegeneinander, aber eigentlich vor allem die Mannschaften. Natürlich – politische, weltanschauliche und andere Hintergründe sollte man vergessen. Man muss innerlich zulassen, dass einige einfach weit weg und ganz ergriffen sind, von dem, was Spiel genannt wird.

Ich werde manches nicht verstehen, was über die Weltmeisterschaft in den täglichen Nachrichten kommen wird. Mir fehlt zu vielem das Fußball-Fieber. Auch wenn ich die Zielrichtung nicht mitmachen kann, ich gönne jedem sein Hobby. Abwechslung muss sein! Doch ich weiß jetzt schon, dass ich immer beide Richtungen bei den Nachrichten im Kopf haben werde. Ich gönne jedem die Fußballfreude, aber ich will und werde darüber nicht vergessen, was sonst noch auf der Welt passiert.

Jedem das Seine – aber alles mit Maß und Ziel.

Dr. Gertrud Pollak, Mainz


Foto von StockSnap auf pixabay.com

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