Lob des menschlichen Unvermögens
08.07.2026
Es war das erlösende 2:1 bei der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft im Sechzehntelfinale des Spiels Deutschland gegen Paraguay in der Nachspielzeit durch einen Kopfballtreffer des Nationalspielers Jonathan Tah. Doch der Jubel dauerte nicht lange: Nach einer Überprüfung des Treffers durch den Video-Assistenten wurde das Tor kurzerhand nicht gewertet, weil dieser eine vermeintliche Behinderung des Torwarts gesehen haben will. Experten waren sich schnell einig: Hier handelte es sich um ein klares Fehlurteil des Unparteiischen. Ohne diese Entscheidung hätte dies – bei wohl aller berechtigten Kritik auch an der Leistung der deutschen Mannschaft – dennoch vermutlich den Einzug ins Achtelfinale bedeutet. Hätte, hätte …
Nun, ich bin kein klassischer Fußballfan und erst recht kein Experte, dennoch sehe ich ab und zu das ein oder andere Spiel ganz gerne an. Seit der Einführung des Video-Assistenten merke ich allerdings, wie mir die Freude daran zunehmend abhandenkommt: Das nicht bis zuletzt Kalkulierbare im Spiel, das Uneindeutige der Interpretationen (war es ein bewusstes Foul oder doch nur eine unglückliche Nähe zum Torwart?), letztlich das neben aller sportlichen Leistung und allem gelungenen Teamplay der Mannschaft Bleibende und Unverfügbare: Es ist Gegenstand hitziger Diskussionen zwischen Experten oder denen, die sich dafür halten. Dagegen versucht der Videobeweis und die darüber hinaus eingesetzte Technik, das letzte Quäntchen Uneindeutigkeit auszulöschen und über die bereitgestellten Bilddaten ein fehlerhaftes Urteil einer Schiedsrichterentscheidung zu vermeiden. Gerät damit aber nicht jedes Spiel ins Feld des Juristischen und der ständig notwendigen Beweisführung?
Bei aller Richtigkeit und allem Verständnis, sich um hinreichende Informationen zu bemühen, um richtig urteilen zu können: Dient das, was technisch möglich ist, auch wirklich der Sache? Nämlich dem Spiel, dem Sport, dem Wettbewerb und der daraus entstehenden Freude und Emotion? Und: Führt es zu gerechteren Entscheidungen des Unparteiischen?
Nach einigen Jahren der schrittweisen Einführung des Video-Assistenten im Fußball würde ich so einige Zweifel anmelden. Es scheint mir eher, dass durch die Möglichkeit des Videobeweises bestimmte Schiedsrichterentscheidungen in ihrer ja stellenweise weiterhin auftretenden Fehlerhaftigkeit so viel deutlicher zum Vorschein treten. Dass sich das Gefühl, tatsächlich ungerecht behandelt zu werden, bei den jeweils Betroffenen verstärkt. Dass es aber dann letztlich mehr trennt als verbindet und damit einer Sache zuwiderläuft: nämlich der Freude am Spiel, die alle Fußballbegeisterten – auch gegnerische Mannschaften und Fans – bei aller Härte des sportlichen Kampfs eint.
Gerechtigkeit – im Fußball und im Allgemeinen – ist, so glaube ich, nicht in erster Linie eine Frage der Beweisführung. Gerechtigkeit, als eine tiefe Sehnsucht im Menschen verankert, bleibt zunächst eine Frage des Sehens und des Hörens auf das Herz. Eine Frage der klugen Unterscheidung und des geschulten Urteils. Schon in der Heiligen Schrift drehen sich etliche Passagen in ganz verschiedenen Situationen um das richtige Urteil und das rechte Handeln in einer immer wieder als ungerecht erlebten, aber auch entsprechend selbst verschuldeten Welt. Absolute Gerechtigkeit – so das Zeugnis der Bibel – gibt es nur bei Gott. Beim Menschen selbst bleibt das richtige Urteil seinem Unvermögen unterworfen, Videobeweis hin- oder her. Dies allerdings macht den Menschen selbst wiederum zu dem, was er ist: zutiefst menschlich.
Ich meine, es täte uns gut, diese menschlich-allzumenschliche, vielleicht aber auch sympathische Eigenschaft seines Unvermögens wieder stärker zu entdecken und zuzulassen: Vom Fußball ausgehend auch in der Gesellschaft und in der Politik, in den Personalabteilungen von Firmen oder auch in der Kirche. Im Wissen darum sowie im Anschauen und in der Anerkenntnis des jeweils eigenen Unvermögens könnte daraus vielleicht wieder mehr das entstehen, was uns in den letzten Jahren mehr und mehr abhandengekommen zu sein scheint: Der Blick darauf, was uns als Menschen – bei allen widerstreitenden Positionen, Meinungen und Argumenten – dennoch alle verbindet.
Ansgar Hoffmann
Leiter des Seelsorgeamts – Bistum Görlitz
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