Überholte Wahrnehmungsmuster
05.08.2026
Je öfter ich die Nachrichten höre und sehe, je öfter ich mit der Deutschen Bahn fahre – verspätet oder pünktlich – , je länger ich mir die Ungeduld, die Nörgelei, das Fluchen und die aggressiv-defaitistische Untergangsstimmung in der Sicht auf Wirtschaft, Politik, Welt und Kirche anschaue, desto mehr glaube ich nicht mehr daran. Der ständige Blick auf Defizite, Versagen und Dysfunktionalität ist möglich und auch wahr – aber er lähmt, macht handlungsunfähig und hinterlässt den Eindruck, dass alles einfach den Bach runtergeht.
Das ist nicht die Wahrheit, und es ist vor allem ein Wahrnehmungsmuster, das ohnmächtig sein lässt (lassen will). Und vielleicht führt genau eine solche aussichtslos-apokalyptischer Wahrnehmungsmuster dazu, dass man sich isoliert zurückzieht, keine Verantwortung übernimmt und vor sich hinlebt, resigniert und zornig – Nährboden für vereinfachende Gegenerzählungen und politisches Wutbürgertum. Eine Strategie, die im Moment aufgeht.
Aber nicht mehr bei mir. Es kommt mir alles so bekannt vor. Hatten und haben wir nicht ähnliche Muster im kirchlichen Kontext seit mindestens 20 Jahren? Die Kirche geht unter… geht über den Jordan. Schon zu seiner Zeit stimmte und stimmte es nicht – und auch nicht heute. Denn Sterben und Brache und Neuwerden gehören zum dramatischen Muster des Lebens, das uns Christen eröffnet wurde, und die Schöpfung und Geschichte durchwebt.
Oft aber haben wir ein anderes Muster: sobald etwas vergeht, sehnen wir uns nach Erhalt, ja nach einer Vergangenheit, die es so, wie wir sie verklären, nie gegeben hat. Diese Wahrnehmungsmuster (übrigens auch erkennbar in der Einschätzung wie Selbsteinschätzung der Fussballnationalmannschaft…), lassen erblinden und führen zu falscher Polarisierung, Ausgrenzung und Aburteilungen. Und es ist so leicht, sich darin fangen zu lassen.
Ich sehe anderes. Ich sehe eine schmerzhafte Verwandlung, eine Dysfunktionalität des Bisherigen, aber eben auch immer mehr Menschen, die mit Initiative und Mut auf dem Weg sind: unternehmerische Leidenschaft, Geduld, kreatives Aushalten und Gestaltungswille. Ich sehe das in einer Kirche, die jenseits der selbstbewahrenden und platten Schützengräben Neues wagt, in dem überraschenden Interesse an Echtheit und Authentizität. Und ich sehe das in Menschen, die sich einsetzen mit hoher Leidenskraft und Leidenschaft.
Doch das muss man sehen können. Und dazu braucht es eine radikale Umkehr. Eine Umkehr zu einem chancenorientierten Blick, zu einem Blick der Hoffnung, zu einem Blick, der nicht an der Vergangenheit orientiert ist und am Festhalten an Beständen, die nicht mehr erfüllen. Das gilt gesellschaftlich wie kirchlich.
Wir stehen zweifellos schon in einer anderen Welt, in der wir neu miteinander entdecken, wie hier in verwandelter Gestalt Menschsein gelingt und wie wir neue Wahrnehmungen bewerten. Es ist wahr: dazwischen liegt der Untergang von Mustern und das Sterben einer Kultur. Es ist wahr: dazwischen liegt eine Zeit der Lähmung und der Brache. Aber es ist auch wahr: neues wächst – und das möchte ich sehen lernen.
Christian Hennecke
Foto von Kh-ali-l i: https://www.pexels.com/de-de/foto/natur-pflanze-blatter-baum-17289465/









