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Die Provokation der Geborgenheit

Die Provokation der Geborgenheit

Warum das Christentum heute brisanter ist denn je

von Manfred Gerwing

An deutschen Küchentischen wird über Kirchenaustritte und Reformstau debattiert, während am anderen Ende der Welt das Bekenntnis zum Kreuz Lebensgefahr bedeutet. Es ist ein Paradox der Gegenwart: Während das Christentum in seiner alten Heimat Europa oft als Auslaufmodell belächelt wird, ist es global gesehen die meistverfolgte Religion der Welt. Doch diese Bedrängnis wirft ein Schlaglicht auf die ungebrochene Sprengkraft des Glaubens. In einer Welt, die zwischen radikalem Individualismus und kollektiver Orientierungslosigkeit schwankt, stellt sich die Frage drängender denn je: Welche gesellschaftliche Relevanz und Brisanz hat eine Religion, für die Millionen Menschen heute ihr Leben riskieren – und was haben wir verloren, wenn wir sie hierzulande nur noch als bloße Tradition verwalten?

Tendenz steigend

Doch bleiben wir erst bei den Zahlen, die vielen an ihren Stammtischen nicht bekannt sind: Aktuell gibt es weltweit etwa 2,6 Milliarden Christen bei einer Weltbevölkerung von gegenwärtig 8,3 Milliarden Menschen. Damit bleibt das Christentum mit rund einem Drittel der Weltbevölkerung die mit Abstand größte Religionsgemeinschaft der Erde. Tendenz steigend!
Mit rund 1,42 Milliarden Mitgliedern ist die katholische Kirche dabei die größte Einzelkonfession. Zu den Protestanten gehören weltweit etwa 800 bis 900 Millionen Menschen, wobei hierunter sehr unterschiedliche Strömungen wie lutherische, reformierte, aber auch die stark wachsenden Pfingstkirchen fallen. Zu den orthodoxen Kirchen zählen etwa 290 Millionen Gläubige, schwerpunktmäßig in Osteuropa und im Nahen Osten. Während die Mitgliederzahlen in Europa sinken, liegt das Zentrum des Christentums heute im Globalen Süden. Allein in Afrika leben mittlerweile mehr Christen als auf jedem anderen Kontinent.

Jeder siebte Christ weltweit lebt in Gefahr

Diese enorme Größe steht in einem spannungsvollen Kontrast zur Verfolgung: Obwohl jeder dritte Mensch Christ ist, leben Millionen in Regionen, in denen ihr Glaube sie zur Zielscheibe macht. Laut Berichten des Hilfswerks „Open Doors“ sind derzeit mehr als 388 Millionen Christen extremer Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Das bedeutet: Jeder siebte Christ weltweit lebt in Gefahr.

Diese Gewalt ist kein Zufallsprodukt der Moderne, sondern begleitet das Christentum seit seinen Anfängen. Schon sein Gründer, Jesus von Nazareth, endete nicht als gefeierter Reformer, sondern als Staatsfeind am Kreuz. Warum? Weil seine Botschaft von Anfang an eine Provokation für jede Form von absoluter Macht, von Anbetung des Reichtums und der Genusssucht war. 

Die Brisanz liegt in der DNA des Christentums selbst. Wenn Jesus verkündet, dass „Gott mehr zu gehorchen ist als den Menschen“, entzieht er den Tyrannen dieser Welt die letzte Kontrolle. Wo Nächstenliebe radikal gelebt wird – auch gegenüber dem Feind –, brechen alte Machtstrukturen auf. Es ist genau diese Brisanz, die das Christentum heute in autoritären Regimen so gefährlich macht: Es ist die Stimme derer, die sich keinem weltlichen System absolut unterwerfen.

 

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Manfred Gerwing

Univ.-Prof. (em.) Dr. Manfred Gerwing, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Mitglied des Schönstatt-Familienbunds in Deutschland. Wegen seiner Verdienste in Wissenschaft und Kirche erhielt er 2019 den Gregorius-Orden, einen der höchsten Orden, die der Papst an Laien verleiht.

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Beitragsfoto: © esalienko · stock.adobe.com

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