Wenn wir manche Diskussionen scheuen
von Hans-Martin Samietz
Warum existiert überhaupt die Vorstellung, dass das Miteinander Diskutieren uns zuverlässiger bewegt, fremdem Willen zu folgen, als die Anwendung körperlicher Gewalt? Ich meine, die Behauptung aufstellen zu können, dass Menschen im Alltag deutlich mehr Konflikte durch Worte als durch Taten lösen.
Mit dieser Behauptung bin ich nicht allein. In seinem Unterkapitel „Friede in unseren Tagen“ in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ belegt Yuval Noah Harari unter anderem mit den Weltgesundheitsreporten (World Health Reports), dass im 19. und 20. Jahrhundert inklusive der Weltkriege und der vielen Genozide weltweit deutlich weniger Menschen pro Kopf der Bevölkerung eines gewaltsamen Todes starben als davor. Es dürfte also durchaus die Vermutung nahe liegen, dass aus irgendeinem Grund Gewalt nicht so sehr zum Menschen passt wie sein Sinn zur Einheit mit anderen. Aber ist dieses Gras der gewaltfrei gelingenden Diskussion wirklich derart unausrottbar?
Wenn wir uns fragen, welche Stimmung wir im Moment in der Öffentlichkeit wahrnehmen, wird es vielen schwerfallen einen solchen Optimismus zu teilen.
Von Kriegen
Alle Verhaltensweisen verfolgen dasselbe Ziel: Einfluss zu nehmen bzw. die Umstände zu ändern. Jemand, der diskutiert, jemand, der schreit, jemand, der schubst, jemand, der tötet: Sie alle wollen Macht ausüben, auf etwas oder jemanden Einfluss ausüben. Das Motiv der Macht ist ein sehr allgemeines, d. h. in jeder Persönlichkeit vorhandenes, Motiv menschlichen Verhaltens. Es existieren neben dem Motiv der Macht (Einfluss nehmen) die Motive Zugehörigkeit und Erfolg (McClelland 1917-1998) sowie bei Julius Kuhl (*1947) dann zusätzlich noch das Motiv der Freiheit als zentrale Motive für das menschliche Verhalten.
Sicher kann das Motiv der Macht sehr fürsorglich umgesetzt werden, aber Einfluss nehmen wollen der feinfühlige Pädagoge und der Bankräuber in jedem Fall beide. Weil es dieses Spektrum in der Art und Weise der Machtausübung gibt, gibt es zum Beispiel auch sehr unterschiedliche Interpretationsräume für das Wort „Krieg“ bzw. „kriegen“, wie uns unter anderem dieses bekannte deutsche Volkslied vor Augen führt.
„Kommt, ihr G’spielen, wir woll’n uns kühlen,
Bei diesem frischen Taue
Werdet ihr singen, wird es erklingen
fern in dieser Aue.Hört, ihr G‘sellen, die Hündlein bellen,
Was wollen wir beginnen?
Lasset uns kriegen, lasset uns siegen,
Sommerlust gewinnen.Auf, ihr Brüder, singt hoch und nieder,
Den Sommer zu gewinnen.
Ist es nicht Schande, weit in dem Lande,
Wenn wir uns besinnen.“ …
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