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Mitten im Sturm

Mitten im Sturm

Innere Freiheit durch Jesus Christus

von Manfred Gerwing

Krisen sind allgegenwärtig. Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Spannungen, persönliche Herausforderungen und die Flut an schlechten Nachrichten prägen unseren Alltag. Sorgen um die Zukunft, Angst vor Veränderungen und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, machen vielen Menschen das Herz schwer.

Doch mitten in dieser Realität sprechen Christen von einer Freiheit, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Sie sprechen von einer inneren Freiheit, die Jesus Christus schenkt, einer Freiheit, die selbst im Sturm bestehen bleibt.

Wenn der Sturm tobt

Niemand ist vor Krisen geschützt. Auch Christen kennen Krankheit, Verlust, Enttäuschung oder Zeiten der Unsicherheit. Jesus hat seinen Nachfolgern nie ein sorgenfreies Leben versprochen. Im Gegenteil, er sagte: „In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, ob wir Stürme erleben, sondern darin, wer mitten im Sturm bei uns ist.

Die Jünger machten diese Erfahrung auf dem See Genezareth. Während ein heftiger Sturm tobte, schlief Jesus im Boot. Für die Jünger war die Situation lebensbedrohlich. Jesus aber begegnete der Angst mit Frieden. Nachdem er Wind und Wellen geboten hatte, fragte er: „Warum habt ihr solche Angst?“ Diese Begebenheit zeigt: Der Friede Gottes entsteht nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist. Er beginnt dort, wo wir Jesus vertrauen.

Freiheit beginnt im Herzen

Oft wird Freiheit lediglich mit Unabhängigkeit oder der Möglichkeit assoziiert, tun zu können, was man will. Christen verstehen Freiheit tiefer. Wahre Freiheit beginnt im Inneren. Jesus sagt: „Wenn euch nun der Sohn frei machen wird, so seid ihr wirklich frei“ (Joh 8,36).

Diese Freiheit bedeutet zunächst Befreiung von Schuld und von der Macht der Sünde. Doch sie umfasst noch mehr. Sie befreit von der Herrschaft der Angst, von der ständigen Sorge und von dem Zwang, alles selbst kontrollieren zu müssen. Wer sein Leben Jesus anvertraut, darf wissen: Mein Wert hängt nicht von den Nachrichten, der wirtschaftlichen Lage oder meiner Leistung ab. Meine Zukunft liegt in Gottes Händen.

Gelassenheit ist Vertrauen

Gelassenheit wird oft mit Gleichgültigkeit verwechselt. Doch biblische Gelassenheit bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren. Sie bedeutet, trotz aller Herausforderungen auf Gottes Treue zu vertrauen. Der Apostel Paulus schrieb aus dem Gefängnis: „Sorgt euch um nichts, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden. Und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus“ (Phil 4,6–7).

Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Worte nicht in einer angenehmen Lebensphase schrieb. Seine äußeren Umstände waren schwierig. Dennoch kannte er einen Frieden, den keine Krise zerstören konnte.

Was schenkt innere Freiheit?

Innere Freiheit wächst dort, wo wir unser Vertrauen täglich auf Jesus richten. Sie wächst,

  •  wenn wir unsere Sorgen im Gebet bei Gott ablegen;
  •  wenn wir Gottes Zusagen höher achten als unsere Ängste;
  •  wenn wir nicht jede Schlagzeile unser Herz bestimmen lassen;
  •  wenn wir uns daran erinnern, dass Christus gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist.
  • Das bedeutet nicht, dass Sorgen nie wieder auftauchen. Aber sie müssen nicht länger unser Leben bestimmen.

Hoffnung für eine unruhige Zeit

Unsere Welt braucht nicht nur bessere Nachrichten. Sie braucht Menschen, die Hoffnung ausstrahlen. Christen dürfen solche Hoffnungsträger sein – nicht, weil sie auf alles eine Antwort kennen, sondern weil sie den kennen, der über allem steht.

Innere Freiheit ist kein Ergebnis besonderer Stärke oder positiver Gedanken. Sie ist ein Geschenk Gottes. Sie wächst aus der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus. Wer mit Christus lebt, findet einen festen Anker, wenn alles ins Wanken gerät. Der Sturm mag toben, doch das Herz kann ruhig bleiben. Nicht, weil die Welt sicher geworden ist, sondern weil Gottes Gegenwart größer ist als jede Krise.

Die Krisen unserer Zeit werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Doch Jesus bietet etwas an, das keine äußere Situation nehmen kann: seinen Frieden und seine Freiheit.

Die Quelle wahrer Freiheit: mit Gott vereint leben

Die innere Freiheit, von der das Evangelium spricht, ist mehr als Gelassenheit in schwierigen Zeiten. Sie ist Ausdruck einer christlichen Existenz, die immer tiefer mit Gott verbunden ist. Das eigentliche Ziel unseres Lebens besteht darin, mit Gott eins zu werden, unser Denken, unser Wollen und unser Handeln immer mehr von ihm prägen zu lassen.

Oder einfacher gesagt: Versuchen wir, uns immer wieder neu und immer tiefer mit Gott zu vereinigen. Fragen wir in unserem Alltag danach, was Gott von uns möchte, und bemühen wir uns, seinen Willen konkret umzusetzen. Denn je mehr unser Leben mit Gottes Willen übereinstimmt, desto freier werden wir von der Herrschaft der Angst, der Selbstbezogenheit und der Sorge.

Doch wie gelingt diese Vereinigung mit Gott?

Zunächst, indem wir – wie Maria und mit ihrer Hilfe – hellhörig werden für das Wort Gottes. Maria ist das Vorbild des glaubenden Menschen. Sie nahm Gottes Wort in ihr Herz auf, bewahrte es und ließ ihr ganzes Leben davon bestimmen. Auch wir sind eingeladen, uns nicht den Maßstäben dieser Welt anzupassen, sondern unser Denken durch Gottes Wort erneuern zu lassen. So schreibt der Apostel Paulus: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Gott Wohlgefällige und Vollkommene“ (vgl. Röm 12,1–2).

Wer sich vom Wort Gottes formen lässt, gewinnt einen anderen Blick auf die Wirklichkeit. Die Krisen verschwinden dadurch nicht, aber sie verlieren ihre Macht über unser Herz, weil Gottes Wahrheit größer ist als unsere Ängste.

Ein weiterer unverzichtbarer Weg der Vereinigung mit Gott sind die Sakramente. Sie sind keine bloßen Zeichen, sondern wirksame Begegnungen mit dem lebendigen Christus.

Besonders die Beichte ist ein Ort der Freiheit. Dort dürfen wir uns immer wieder zusagen lassen, dass Gottes Erbarmen größer ist als unser Versagen. Obwohl wir Liebe schuldig geworden sind, schenkt Gott uns Vergebung und eröffnet uns einen neuen Anfang. Wer regelmäßig beichtet, erfährt, wie befreiend es ist, Schuld nicht mit sich herumzutragen, sondern sie Christus zu überlassen.

Ebenso ist die Feier der heiligen Messe Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. Dort hören wir Gottes Wort, lassen uns neu ausrichten und empfangen in der heiligen Kommunion Christus selbst. In der Eucharistie schenkt sich Gott uns auf einzigartige Weise. Christus verbindet sich mit uns, damit wir immer tiefer mit ihm verbunden werden. Die Kirche spricht davon, dass wir Anteil am göttlichen Leben erhalten. Je bewusster und regelmäßiger wir die heilige Kommunion empfangen, desto mehr darf diese Gemeinschaft unser Denken, Fühlen und Handeln prägen.

All das setzt jedoch voraus, dass wir beten. Das Gebet ist gleichsam die Antenne unseres Herzens. Wer nicht auf Empfang geht, wird schwer hören können, was Gott ihm sagen möchte. Im Gebet richten wir uns immer wieder neu auf ihn aus. Wir lernen, seine Stimme von den vielen Stimmen unserer Zeit zu unterscheiden. Wir öffnen unser Herz, damit Gottes Geist uns führen, korrigieren, stärken und trösten kann.

Eine wertvolle Hilfe kann dabei eine geistliche Tagesordnung sein, wie sie in der Schönstatt-Spiritualität empfohlen wird. Feste Zeiten für das persönliche Gebet, für die Betrachtung der Heiligen Schrift, für die Gewissenserforschung oder einen kurzen Tagesrückblick helfen, die Verbindung mit Gott im Alltag wachzuhalten. Wer sich regelmäßig Zeiten der Stille schenkt, lernt immer besser, Gottes Wirken im eigenen Leben wahrzunehmen und auf seine Führung zu antworten.

So wird das Gebet zu einer Schule der inneren Freiheit. Denn wer auf Gott hört, gewinnt Klarheit für seinen Weg. Wer Gottes Willen sucht, findet Orientierung. Und wer sich immer tiefer mit Christus verbindet, erfährt jenen Frieden, den die Welt nicht geben kann.

Innere Freiheit entsteht deshalb nicht aus Selbstoptimierung oder mentaler Stärke. Sie wächst aus der lebendigen Gemeinschaft mit Jesus Christus. Je enger wir mit ihm verbunden sind, desto gelassener können wir den Stürmen unserer Zeit begegnen. Denn dann leben wir nicht mehr allein aus unseren eigenen Kräften, sondern aus der Kraft Gottes, die in uns wirkt.

Mitten im Sturm frei zu sein bedeutet, den Blick nicht von den Wellen bestimmen zu lassen, sondern von dem, der Herr über Wind und Wellen ist. Diese innere Freiheit schenkt Mut, Hoffnung und Gelassenheit – heute und an jedem neuen Tag.

 

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Manfred Gerwing

Univ.-Prof. (em.) Dr. Manfred Gerwing, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Mitglied des Schönstatt-Familienbunds in Deutschland. Wegen seiner Verdienste in Wissenschaft und Kirche erhielt er 2019 den Gregorius-Orden, einen der höchsten Orden, die der Papst an Laien verleiht.

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