Wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen
Gelassenheit lässt sich einüben
von Maria Wolff
„Konntest du letzte Nacht wenigstens gut schlafen?“ Das fragte ich vor einiger Zeit eine sehr beschäftigte Führungsperson in einer intensiven und etwas angespannten Arbeitsphase. Die Antwort: „Wie ein Stein. Ich hab mich hingelegt und bin sieben Stunden später wieder erholt wach geworden.“ Sehr gut! Der Glückliche!
Viele von uns haben in solchen Intensivzeiten und vielleicht auch sonst immer wieder die Schwierigkeit, zur Ruhe zu kommen. Ich gehöre auch dazu. Daher schreibe ich keine schlauen Rezepte auf, wie es funktioniert, keine psychotherapeutischen Anleitungen, um Nervenbündel mehr ins Lot zu bringen. Ich erzähle mehr von meist kleinen Beobachtungen und Erfahrungen, die ein wenig von der Tragfähigkeit des Liebesbündnisses erzählen. Das Liebesbündnis-Leben scheint tatsächlich im Alltagsleben und in Herausforderungen zu helfen. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass in schwereren Lebenskrisen, in Zeiten großer psychischer Not außerdem andere Maßnahmen angesagt sind. Gott sei Dank gibt es da Möglichkeiten.
Unruhe in Variationen
Ein Standardspruch meiner Tante lautete: „Jeder Mensch ist anders. Das ist ganz einfach mal so.“ Dieser Satz wurde in der Regel mit einem Lacher abgerundet. Die Unterschiedlichkeit fängt schon morgens an. Eine Frau erzählt: „Ich kann abends oft sehr schlecht einschlafen. Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf. Und mein Mann hat sich kaum hingelegt, dann geht die Schnarcherei neben mir schon los. Wie macht der das bloß? Aber morgens früh ist mir alles egal. Da könnte ich schlafen. Mein Mann dagegen erzählt mir dann beim Frühstück, dass er mal wieder ewig früh aufgewacht sei und die Gedanken zur Arbeit ließen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließen.“
Es ist, als ob zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Durcheinander-Schublade des Hirns und der Seele geöffnet würde, zu denen dann Chaos, Ratlosigkeit, Sorge und Planungsversuche ans Licht kommen.
Schatten, Tee und niedergelegte Waffen
In der Nacht scheinen die Inhalte dieser Durcheinander-Schublade ja eher unter einem zusätzlichen Schatten zu liegen. Sie wirken viel schwerer und verknoteter als bei Tag. Ich sage mir dann: „Du siehst das momentan alles noch viel grauer, als es ist. Schau dir die Sache noch einmal in Ruhe morgen bei Tageslicht an. Da sieht es möglicherweise schon ganz anders aus.“ Dann hilft es schon mal, sich eine mehr oder weniger leckere Tasse Kräutertee zu brauen. Und ein Erinnerungszettel am Küchenschrank bietet sich vielleicht als sozusagendes Anti-Hystericum an. Aufschrift: „Schau dir das morgen früh noch mal bei Tageslicht an!“. …
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Beitragsfoto: © Aliaksandr Barouski · stock.adobe.com

