Wie Wurzeln unser Leben prägen
Von Heimat und Heimatlosigkeit
von Elmar Busse
Der slowakische Professor František Baluška arbeitete jahrzehntelang an der Universität Bonn, bevor er 2022 in den Ruhestand ging. Er erzählt: „Meine ersten Experimente betrafen die Wurzelspitzen von Maispflanzen: Dort stießen wir auf einen sehr speziellen Bereich mit Zellen, die sich nicht teilten und auch nicht wuchsen. Wir entdeckten, dass diese Zellen auf die Verarbeitung von Informationen spezialisiert sind. Sie entscheiden, in welche Richtung Wurzeln weiterwachsen: nach oben oder unten, rechts oder links. Das ist sehr wichtig für die Pflanze: Denn für unterirdische Wurzeln ist es ziemlich schwierig, einen Ort zu finden, an dem Wasser und Mineralien ausreichend zur Verfügung stehen. Und diese Zone entscheidet, ob Wurzeln weiterwachsen oder nicht. Auch das ist wichtig: Denn wenn Wurzeln einmal eine Umgebung mit guter Versorgung gefunden haben, macht es Sinn, dort erst einmal zu bleiben.
Baluška gelang dieser Nachweis, nachdem er die Kommandozellen mit einem gängigen Betäubungsmittel lahmgelegt hatte: Plötzlich wuchsen die Wurzeln nicht mehr zielstrebig wie zuvor, sondern zweckfrei ins Nirgendwo. Die Botschaft des Experiments: Ohne ihre Kommandozellen sind Pflanzen meist zum Sterben verurteilt. Nur sie können existenzielle Probleme lösen, die im Laufe eines Pflanzenlebens auftauchen.
Folgt man dieser Ansicht, sind Parallelen zum Menschen unübersehbar: Nach klassischer Definition sollen unsere Gehirne, unsere Intelligenz die komplizierteren Probleme des Lebens lösen.“ (aus: „Vernetzter Wald – Wie Pilze und Pflanzen kommunizieren.“ Autor und Sprecher: Achim Nuhr. Redaktion: Charlotte Grieser und Dirk Asendorpf. Ein Beitrag aus dem Jahr 2025.)
Was Professor Baluška mit diesem und anderen Experimenten gelungen ist, erweitert den Horizont unserer Vorstellungen über die Pflanzenwelt. Bisher war die klassische Lehre in der Biologie: Pflanzen entwickeln sich nach dem einfachen Schema „Reiz – Reaktion“. Es ist erstaunlich, wie uns durch die Mikrobiologie die feinsten Stoffwechselvorgänge erschlossen werden.
Mit der Seele ist es nicht anders
Mit sieben Jahren kam ich wegen einer chronischen Bronchitis auf eine Kindererholungskur an die Ostsee. Ich hatte dort ein Dach über dem Kopf, gutes Essen, gute Betreuer, liebe andere Kinder. Und doch hatte ich furchtbares Heimweh. Was ist das, was da fehlt? Warum tut das weh? Wie wichtig ist für die seelische Stabilität die vertraute Umgebung, wie wichtig sind die vertrauten Menschen (Eltern und Geschwister)?
Dem psychologisch sehr begabten Lebensbeobachter Pater Josef Kentenich wurde die Bedeutung der Beheimatung für die seelische Stabilität früh bewusst. Aus den Erzählungen der Beter, die nach Schönstatt in das kleine Kapellchen kamen, das später Urheiligtum genannt wurde, filterte er im Laufe der Jahre drei besondere Geschenke heraus, die die Gottesmutter den Menschen dort vermittelte. Er nannte sie „Wallfahrtsgnaden“: die Gnade der Beheimatung, die Gnade der seelischen Wandlung (Bekehrung, Heilung, Befreiung, Stabilisierung) und die Gnade der apostolischen Fruchtbarkeit. In unserem Zusammenhang interessiert uns die Gnade der Beheimatung. Vor etwa 150 Jahren war das eine Selbstverständlichkeit. Die meisten Menschen blieben in dem Ort wohnen, wo sie geboren worden waren. Schon die Fahrt oder die Wanderung in die nächste Kreisstadt war ein besonderes Ereignis. Die meisten Menschen waren in ihrem Heimatort verwurzelt, ohne sonderlich zu reflektieren, was da eigentlich genau passierte und warum das für die seelische Stabilität so wichtig war.
Ich kann mich erinnern, dass in den 1990er Jahren die Schönstatt-Bewegung der Diözese Graz-Seckau eine Buswallfahrt zum Schönstatt-Zentrum in Wien am Kahlenberg organisiert hatte. Eine Rentnerin, die ihr Leben lang auf dem eigenen Bauernhof gearbeitet hatte, war erstmals in der Bundeshauptstadt. Das andere Extrem: Der Vater einer Klassenkameradin war Offizier bei der Nationalen Volksarmee. Circa 14 Umzüge hatte dieses Mädchen aufgrund der häufigen Versetzungen ihres Vaters bis zu ihrem 15. Lebensjahr schon hinter sich gebracht. Auf meine Frage, wo denn ihre Heimat wäre, meinte sie: „Dort, wo ich gerade bin.“ Ein Ehepaar, das zeitlebens sich um Pflegekinder gekümmert hatte, hat seinen Erfahrungen mit diesen Kindern den Buchtitel gegeben „Wie Bäume ohne Wurzeln“. (Marie-Luise Schmidt, Bastei-Lübbe-Verlag 1995)
Leben als Arbeitsnomade
In den entwickelten Industriestaaten ist die Mobilität ein wesentlicher Faktor des Lebensstils geworden. Nicht nur die Fernreisen, die man sich im Urlaub leistet, die Tage, die man auf einem Kreuzfahrtschiff verbringt und berühmte Städte ansteuert, sondern auch der Wechsel des Arbeitsplatzes, das sogenannte Arbeitsnomadentum, haben an Bedeutung zugenommen. Für viele junge Menschen ist es für die Karriereplanung bedeutsam, dass man ein Au-Pair-Jahr im Ausland verbringt oder mehrere Semester im Ausland studiert. Die EU fördert solche Auslandsaufenthalte durch das Erasmus-Programm.
Auch wenn die EU mit rund 4,2 Millionen Quadratkilometern Fläche nur knapp halb so groß ist wie die USA (9,8 Millionen Quadratkilometer), ist die kulturelle und sprachliche Vielfalt in Europa um ein Vielfaches größer; und damit wachsen auch die Herausforderungen für diejenigen, die im Ausland studieren oder arbeiten.
Als ich noch in der Schönstatt-Familienbewegung hauptamtlich tätig war, habe ich ja oft im Monat 3000 Kilometer zurückgelegt. Manchmal habe ich da mit Augenzwinkern zu meinem Auto gesagt: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (vgl. Apg 17,28: Da sagt Paulus auf dem Areopag in Athen das über Gott aus.) Aber ich hatte eine feste Basis, von der aus ich immer wieder gestartet bin.
Mit seelischen Wurzeln an neuer Stelle Kraft holen
Auf diesem Hintergrund können wir verstehen, wie wichtig für den Gründer die möglichst originalgetreue Nachbildung des Urheiligtums ab 1943 wurde. Inzwischen gibt es über 250 Nachbildungen. Wenn man dann irgendwo auf der Welt in ein solches Heiligtum kommt, fühlt man sich zu Hause. Unsere Seele und unser Gedächtnis arbeiten ja stark assoziativ. So kann ganz leicht das an schönen Erlebnissen aufsteigen, was wir früher in anderen Heiligtümern erlebt haben. Wir können uns – um auf den Anfangsvergleich zurückzukommen – mit unseren seelischen Wurzeln an neuer Stelle Kraft holen.
Aus dieser Erfahrung heraus wünsche ich Ihnen, dass Sie mit viel Geschmack ihre Wohnung so einrichten, dass sie ein wirkliches Zuhause ist. Und laden Sie die Gottesmutter ruhig ein, bei Ihnen dauerhaft Wohnung zu nehmen! Sie ist nicht mehr an Raum und Zeit gebunden und kann an vielen Orten gleichzeitig wirken.
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