Gefährlicher Sprengstoff
21.10.2026
In diesen Tagen erschien eine Meldung auf dem Portal katholisch.de, die davon berichtete, wie bei Kardinal Schönborn während der Sicherheitskontrolle am Flughafen Alarm ausgelöst wurde. Die mittlerweile auch auf KI basierende Sicherheitssoftware meldete dreimal eine Warnung wegen eines gefährlichen Gegenstands im Rucksack des Geistlichen. Dabei handelte es sich um nichts anderes als: seine Bibel.
Dem Beitrag nach fragte der wohl über den Vorfall ein wenig schmunzelnde Kardinal, ob die KI vielleicht in der Bibel vermeintlich gefährlichen Sprengstoff sehe? Neben der auch von ihm dabei angeschnittenen Frage, wie zuverlässig derartige KI-gesteuerte Tools tatsächlich sind, gab mir seine Äußerung aber zu denken: Vielleicht ist es ja gar nicht so falsch, die Bibel als „gefährlichen Sprengstoff“ zu betrachten?
So sehr die Bibel ein wirkliches Buch des Lebens ist, weil sie so ziemlich alle Themen, Freuden und Dramen der menschlichen Existenz, seine Höhen und Tiefen sowie seine Widersprüchlichkeit enthält, so sehr sie Zeugnis ist für den Weg eines Volkes mit ihrem Gott, für das unerschütterliche Vertrauen in ihn sowie für alle Irrwege, die das Volk und seine Menschen gehen, so sehr sie daran anschließend auch die dann immer wieder aufs Neue zuwendende, nie endende und zärtliche Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen zeigt: Ist dieses „Buch der Bücher“ nicht doch auch gefährlich in dem Sinn, dass es unsere herkömmlichen, in uns auch oft unreflektierten und manchmal erlernten Verhaltensmuster zu unterbrechen und zu verändern vermag? Unterbrechung, so der Theologe Johann Babtist Metz, sei ja das kürzeste Wort für Religion.
Insbesondere mit Blick auf die Praxis und Botschaft Jesu wird es „gefährlich“ konkret beispielsweise im Anderen, der mir tierisch auf die Nerven geht, auch den Nächsten, das Kind Gottes, seine Einzigartigkeit und Würde zu entdecken (vgl. Mt 22,39) oder sich den Schwachen und Verwundeten an Leib und Seele zuzuwenden, ohne Rücksicht darauf, was andere über mich denken mögen (Mt 9,10; Mt 25,40). Insbesondere zum Umgang mit dem eigenen Ego besitzt die Bibel eine Reihe an Wegweisungen, die immer wieder neues Arbeitspensum sind für jeden Tag (vgl. Mt 20,16; Lk 9.23). Am schwierigsten aber wohl auch: Sich radikal auf Gott zu verlassen, auf das Eingefangen oder besser Geborgen-Sein in seiner Liebe und Sorge, was für die kleinsten Alltagssorgen gilt wie auch für das bis ins Letzte gewagte Vertrauen der eigenen Existenz, aber nicht gleichzeitig Leichtsinn oder Naivität bedeutet (vgl. Mt 25-34; Gen 22,1-19).
Wie groß dieses Potential an Sprengkraft wirklich ist, lässt sich mit einem Blick in die Geschichte mühelos an Menschen ablesen, die für die grundlegenden Prinzipien in der Hl. Schrift Zeugnis abgelegt und nicht selten – weil sie damit so manchem gefährlich wurden – dafür sogar mit ihrem Leben bezahlt haben. Dabei ging es fast immer um die Wahrung der Würde des Menschen und des Lebens, um die Liebe in ihrer konkreten Umsetzung oder um die wahre Freiheit, die immer wieder aufs Neue durch Machthaber bedroht wurde und wird.
Doch es müssen nicht immer gleich diese Extreme sein: Wenn die Kenntnis der Worte der Bibel uns nur ein wenig tiefer in den Glauben und das Geheimnis Gottes führen, so haben sie genügend „Wucht“ und Kraft, unser eigenes Leben und die Welt zu verändern, ja können sogar größere „Brocken“ unseres Lebens mühelos sprengen.
Die Bibel als „Sprengstoff“ – also lag die KI dann damit doch gar nicht so falsch?
Ansgar Hoffmann
Leiter des Seelsorgeamtes – Bistum Görlitz
Bild von congerdesign auf Pixabay









