Und plötzlich ist eine Stunde weg
Über den problematischen Umgang mit dem Smartphone und was dagegen helfen kann
von Ulrich Emge
Neulich saßen sich in meiner Paarberatung zwei Menschen gegenüber, die beide dasselbe wollten: dass der andere ihnen endlich glaubt. Sie hatte nachts, während er schlief, sein Handy in die Hand genommen und seine WhatsApp-Chats durchgelesen. Er wiederum hatte ein knappes „Okay“ von ihr als stillen Vorwurf gedeutet und sich einen ganzen Abend lang ausgemalt, was dahinterstecken könnte. „Ich wollte nur Gewissheit“, sagte sie. „Ich wollte nur wissen, ob alles gut ist“, sagte er. (Details habe ich selbstverständlich verändert.)
Solche Szenen erlebe ich immer wieder. Das Handy ist längst mehr als ein Gerät: Es ist Beziehungsarchiv, Beweismittel und Projektionsfläche in einem. Es verspricht uns Gewissheit, kann sie aber nicht wirklich liefern. Wer ständig prüft, ob die Nachricht gelesen wurde, wann der andere zuletzt online war und was ein Punkt am Satzende wohl bedeutet, kommt nicht zur Ruhe. Und ehrlich gesagt: Ich erkenne mich selbst darin wieder. Wer von uns hat nicht schon mal „nur kurz“ nachgesehen und eine Stunde später mit leerem Kopf und müden Augen auf einen Bildschirm gestarrt?
Mehr als Bildschirmzeit
Vorab eine Einordnung: „Handysucht“ ist keine offizielle Diagnose. Fachlich sprechen wir eher von problematischer Smartphone-Nutzung; nur Computerspiele haben als Gaming Disorder Eingang in den ICD-11, die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation, gefunden. Trotzdem trifft der Begriff ein Gefühl, das ich in der Beratung ständig höre: Ich will eigentlich aufhören und schaffe es nicht.
Mich interessiert weniger die Bildschirmzeit als die Frage, was das Handy mit dem Leben macht. Dabei sehe ich auf drei Punkte: Kontrollverlust (Ich nehme mir etwas vor und halte es nicht ein), Vernachlässigung (Schlaf, Beziehungen oder Arbeit leiden) und innere Unruhe (Ohne Handy werde ich nervös). Bei Paaren kommt ein vierter dazu: das Kontrollieren. „Zuletzt online“, blaue Haken, ein Chatverlauf, der nachts durchgelesen wird: Auch das ist zwanghaftes Handyverhalten, nur dass der Bildschirm hier zum Spiegel für Ängste wird.
Warum es uns so schwerfällt
Das ist kein reines Willensproblem. Viele Apps sind darauf gebaut, uns festzuhalten: endlose Feeds, Push-Nachrichten, rote Zahlen auf Symbolen. Am stärksten wirkt die Unvorhersehbarkeit. Wir wissen nie, wann die nächste Nachricht kommt, also schauen wir lieber einmal zu oft nach.
Die andere Hälfte sitzt in uns. Ich frage fast immer: „Wofür nutzt du dein Handy in dem Moment, in dem du es nimmst?“ Selten lautet die Antwort „Ich will mich informieren“. Meist lautet sie: Ich halte die Stille nicht aus. Ich fühle mich einsam. Oder, wie bei dem Paar oben: Ich halte die Unsicherheit nicht aus. Das Handy wird zum Lösungsversuch, schnell und immer griffbereit. Nur beruhigt das Nachsehen selten länger als ein paar Minuten, denn es beantwortet nicht die eigentliche Frage („Ist zwischen uns alles gut?“), sondern liefert neues Material zum Grübeln.
Dazu kommt: Textnachrichten sind karg. Kein Tonfall, keine Mimik, kein Lächeln. Auch Emojis werden leider häufig missgedeutet. Unser Kopf füllt die Lücken, und zwar gern mit dem, was wir am meisten fürchten. Aus „Okay.“ wird Ablehnung, aus einer ausbleibenden Antwort Desinteresse. In der kognitiven Verhaltenstherapie nennt man das Gedankenlesen.
Was in meiner Arbeit hilft
Ein Patentrezept gibt es nicht, aber Ansätze, die sich bei Einzelnen wie bei Paaren bewähren.
1. Neugier statt Vorwurf. In Paarsitzungen fühlen sich meist beide als Opfer: die eine, weil sie verunsichert ist, der andere, weil er überwacht wird. Aus der Motivierenden Gesprächsführung nehme ich die Haltung mit, Ambivalenz ernst zu nehmen. Ich frage: „Was suchst du, wenn du nachschaust? Und was kostet es euch beide?“ Hinter dem Kontrollieren steckt meist der Wunsch nach Sicherheit, hinter dem Rückzug der nach Respekt und Freiraum. Beide Wünsche sind berechtigt, und beide dürfen ausgesprochen werden. …
… Einzelausgabe kaufen für 3,80 € (Post) oder im Shop als PDF oder abonnieren (Formular)
Beitragsfoto: © Xavier Lorenzo · stock.adobe.com

