0261.604090

Papst Franziskus, Maria und die Kirche

Papst Franziskus, Maria und die Kirche

von Alexandre Awi Mello

Bei vielen Gelegenheiten haben wir gesehen, wie Papst Franziskus ein Bild der Gottesmutter berührt oder geküsst hat, in Stille vor ihr gebetet oder sie umarmt hat. Die Zartheit dieser Gesten offenbart tiefere Realitäten. Einerseits zeigt es die aufrichtige und kindliche Liebe von Jorge Mario Bergoglio zur Jungfrau Maria, aber andererseits offenbart seine Beziehung zu Maria eine Vision und ein Projekt für die Kirche, das Papst Franziskus in der Ausübung seines Petrusamtes umsetzt. In den beiden Interviews, die er mir gab, um über seine Beziehung zur Jungfrau zu sprechen, und in meiner anschließenden Doktorarbeit wurde mir klar, dass die Erfahrungen des Papstes mit Maria seine Sicht auf die Kirche und seine Sendung in der Welt prägen.

Eine angewandte Mariologie

Gewöhnt an akademische Theologie, meist mit europäischen Wurzeln, erkennen viele Christen nicht die tiefe Weisheitstheologie von Papst Franziskus, die mit großer Spontaneität Theologie und Spiritualität, Reflexion und Glaubenserfahrung des Volkes Gottes verbindet. Bergoglios marianische Theologie ist eine angewandte Mariologie. In Wirklichkeit ist die Reflexion über Maria für Franziskus nur dann wichtig, wenn sie im Leben der Kirche verwurzelt ist, in Menschen einfachen Herzens oder, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, in der Gesamtheit der Gläubigen, die jenen „übernatürlichen Sinn“ besitzen, der sie zu einem universalen Konsens führt und dazu, sich in Fragen des Glaubens und der Moral nicht zu täuschen (vgl. LG 12).

Als Mitglied dieses Gottesvolkes hat Bergoglio Anteil am sensus fidelium (Glaubenssinn der Gläubigen) und identifiziert sich mit dem marianischen Glauben des christlichen Volkes. So lernte er, Maria mit einem „Menschenherz“ zu lieben. Deshalb gibt es in seiner Theologie einen besonderen Platz für die Volksfrömmigkeit, die im Aparecida-Dokument (DA 263), das er mitverfasst hat, als „Volksspiritualität“ bezeichnet wird; eine Spiritualität, die in ihrem ganzen heilsgeschichtlichen und missionarischen Wert als wahrer „theologischer Ort“ betrachtet werden muss, als kultureller und weisheitlicher Ausdruck des unter den Völkern der Erde inkulturierten Volkes Gottes (vgl. GS 122-126).

(Einzelausgabe kaufen für 3,80 € oder abonnieren)

 

Alexandre Awi Mello

Dr. theol., Generaloberer der Schönstatt-Patres und Vorsitzender des Generalpräsidiums der internationalen Schönstattbewegung.

Download basis → Shop


Beitragsfoto: © Schönstatt