0261.604090

Kreative Spannung oder Polarisierung?

Kreative Spannung oder Polarisierung?

von Hubertus Brantzen

Gestaltete sich unser Leben nicht todlangweilig, wenn immer alle einer Meinung wären? Wenn immer alle das Gleiche denken oder reden würden? Wenn Frauen und Männer immer die gleichen Ideen vertreten und Lebenssituationen gleich einschätzen und beurteilen würden?

Andererseits: Mehr Harmonie unter den Menschen würde wohl allen guttun. Und je größer die Konflikte in der kleinen Welt von Partnerschaft und Familie und je himmelschreiender die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Gruppen und Völkern werden, desto mehr wächst in uns die Sehnsucht nach Frieden und Harmonie zwischen den Menschen.

In seinen Abschiedsreden bringt Jesus diese Sehnsucht auf den Punkt: „Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,21) Zwar bezieht er diese Einheit zunächst auf seine Jüngerinnen und Jünger – sie gilt also zuerst für die Kirche als „communio“, als Gemeinschaft. Damit wir dieses Ziel der Einheit als christliche Gemeinden nicht vergessen, beginnt jeder Gottesdienst mit den Begrüßungsworten des Galaterbriefes (1,3): „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ Doch Gnade und Frieden brauchen nicht nur die Christen, jene Sehnsucht tragen alle Menschen in sich.

Der Sündenfall

Einheit, Frieden, Harmonie – diese Worte bezeichnen paradiesische Zustände, wie sie im ersten Buch der Bibel als Urzustand der Menschen geschildert werden. Die Menschen waren mit sich, mit der Natur und mit Gott im Einklang. Sie waren mit dem zufrieden, was sie hatten und erlebten.

Doch dann schlichen sich Ehrgeiz und Hochmut wie eine Schlange ein und vergifteten die Herzen der Menschen, so die biblische Erzählung vom Sündenfall. Die Menschen wollten sein wie Gott, alles wissen und erkennen, alles besser wissen und erkennen als Gott. Der Biss in den Apfel vom „Baum der Erkenntnis“ wurde zum Symbol des Hochmutes und des Ungehorsams gegen Gottes Weisung, wie sie in der guten Schöpfung eigentlich zu erkennen ist.

Was war die Folge? Der Hochmut zog nicht nur ein Zerwürfnis mit Gott nach sich, sondern auch das Leiden der Menschen aneinander. Mit dem Biss in den Apfel war sozusagen die Zweitracht unter den Menschen geboren.

Was in der Bibel als Urerzählungen über Gott, die Welt und die Menschen geschrieben ist, lesen wir bis auf den heutigen Tag auf vielen Seiten unseres Lebens. So bleibt der Sündenfall nicht eine Geschichte von gestern, sondern ist schon lange zu einer Beschreibung des jeweiligen Heute geworden.

Polarisierung

Zu den Urerzählungen der Menschen gehört der Brudermord, von dem die Bibel gleich nach der Vertreibung aus dem Paradies erzählt. Die Kinder der Eltern, die wegen ihres Hochmutes aus dem Paradies vertrieben wurden, die sich eigentlich selbst aus diesem paradiesischen Zustand verjagten, hießen Kain und Abel. Neid und Missgunst züngelten wie eine Schlange zwischen den beiden, bis der eine den anderen erschlug.

Diese Erzählungen machen deutlich, dass nicht verschiedene Erkenntnisse und Meinungen die Ursachen von Polarisierungen zwischen den Menschen sind, sondern die Emotionen und Motive, mit denen Erkenntnisse und Meinungen vorgetragen und gegeneinander ausgespielt werden. Nicht etwas genauer oder besser zu wissen, ist der eigentliche Grund für Polarisierungen, sondern die Besserwisserei. In einer Besserwisserei signalisiert einer dem anderen in belehrender und aufdringlicher Weise: „Ich weiß mehr und alles besser und kann alles besser beurteilen als du – und du hast von nichts eine Ahnung!“ Und in Überheblichkeit werden die Erkenntnisse der anderen deklassiert: „Deine Meinung interessiert mich nicht!“

 

(Einzelausgabe kaufen für 3,80 € oder abonnieren)

 

Hubertus Brantzen

Prof. Dr., Pastoraltheologe, Mainz.

Download basis → Shop


Beitragsfoto: © ra2 studio · stock.adobe.com