Stärker als der Tod
Ab wann war Jesus eigentlich Gott?
von Manfred Gerwing
Eine erstaunliche Frage, die der kleine Benedikt, gerade einmal vier Jahre jung, da plötzlich stellte: „Ab wann war Jesus eigentlich Gott?“ Erstaunlich deshalb, weil er in so jungen Jahren nicht nur bereits von Jesus und von Gott gehört hat, sondern sich darüber hinaus auch über ihre Beziehung, die Beziehung zwischen Gott und Jesus, Jesus und Gott, Gedanken macht. Wer was oder wen auch immer in Beziehung zu setzen vermag, ist auf dem Weg des Denkens, auf dem Weg auch, das Geheimnis des Unscheinbaren zu entdecken.
Die Frage des aufgeweckten Benedikt zeigt, wovon er selbst angesprochen ist: von Jesus und Gott. Wer von beiden hier für den Jungen der Unscheinbare und wer der Offensichtliche ist, kann allein durch die Formulierung der Frage erahnt werden. „Jesus“ ist Subjekt des Fragesatzes. Von Jesus will der Vierjährige wissen, wann er Gott geworden sei. Er will nicht von Gott wissen, wann er Mensch, also Jesus von Nazaret wurde. Jedenfalls ist auffällig, dass Benedikt einen Fragesatz formuliert, in dem Jesus Subjekt ist. Jesus ist ihm der Bekanntere, der Nähere, der Vertrautere.
Im Blick auf den ihm offensichtlich bekannteren Jesus entdeckt Benedikt aber eine Veränderung, etwas, was Jesus vorher nicht war, aber später anscheinend geworden ist: göttlich, Gott selbst. Dank dieser Entdeckung, wie und wodurch auch immer sie entstanden ist, vollzieht Benedikt in seinem Denken eine Einigung, eine Verbindung zwischen dem Menschen Jesus und Gott. Das vermag er nur, weil er Jesus und Gott zuvor getrennt oder als zwei Getrennte bereits vorgefunden hat. In seiner Gleichung von Jesus und Gott liegt eine zuvor angenommene Differenzierung: Es gab einmal eine Zeit, da waren Jesus und Gott nicht identisch, nicht gleich. Jetzt will er den Zeitpunkt dieser Gleichheit, dieser Einheit und Einigung wissen: „Ab wann war Jesus eigentlich Gott?“
Die Identität Gottes und Jesu
Wir müssen diese Frage des kleinen Benedikt ernstnehmen. Führt sie uns doch zur Frage nach der Identität Gottes und nach der Identität Jesu. Die Frage nach der Identität ist die Frage nach dem Unscheinbaren, ja sie ist das Geheimnis des Unscheinbaren. Jesus selbst hat einst seine Jünger genau danach gefragt, nach seiner Identität, nach der Identität des Unscheinbaren. Er fiel dabei nicht sogleich mit der Tür ins Haus, sondern fragte zunächst ganz offen und unverbindlich: „Sagt mal: Für wen halten die Menschen mich?“ Dann aber wird er immer konkreter. Er spitzt seine Frage existentiell zu: „Und ihr, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15) Die Frage wurde schon vor zweitausend Jahren gestellt. Sie hält bis heute die Menschen weltweit in Atem, nicht nur die Christen, sondern auch Juden und Moslems und viele andere.
Wer ist Jesus von Nazaret? Ist er wirklich Gottes Sohn? Oder ist er ein besonders begnadeter Mensch? Ein Prophet, eine charismatische Persönlichkeit, ein außerordentlich begabter Lehrer der Menschlichkeit, geisterfüllter Wanderprediger, der die Menschen inspirieren und in einem Maße faszinieren und für sich gewinnen konnte, dass er den Mächtigen gefährlich wurde und umgebracht werden musste?
Auf dem Hintergrund dieser Fragen fügt es sich passgenau, dass die Christenheit weltweit in diesem Jahr ein Jubiläum feiert: das Konzil von Nizäa. Es ist das erste Ökumenische Konzil ihrer Geschichte. Es fand statt im Jahre 325, also vor genau 1700 Jahren. Dieses Konzil hat definitiv Antwort gegeben auf die Frage nach der Identität Jesu wie auch nach der Identität Gottes: „Wir glauben […] an den einen Herrn, Jesus Christus, Sohn Gottes, als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt, d.h. aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater.“ (DH 125)
Eine Revolution des Gottesverständnisses
Hinter diesen etwas fremdartig klingenden Formulierungen verbirgt sich nichts weniger als eine Revolution des Gottesverständnisses: Gott ist keine beziehungslose Monade, kein abstraktes Prinzip, kein metaphysischer Abschlussgedanke, sondern ist lebendige, personale Beziehung. Vater und Sohn und – deutlich ab dem Konzil von Konstantinopel 381 – auch der Heilige Geist sind gleichermaßen in Gott und Gott selbst.
Das Konzil von Nizäa vor 1700 Jahren hat das Glaubensbekenntnis der Christen bis heute geprägt. Seine grundlegenden Erkenntnisse haben Eingang gefunden in die liturgische Memorialkultur der Katholiken, Orthodoxen und Protestanten. Deswegen begehen wir mit diesem Gedächtnis an Nizäa ein ökumenisches Ereignis allerersten Ranges. „Orthodox“, also rechtgläubig ist, wer in der Liturgie das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis rezitiert und damit bekennt, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, „dem Vater wesensgleich“. Wer daran rüttelt, muss wissen, dass er den gemeinsamen Boden jeglicher Ökumene verlässt und das Christentum selbst in Frage stellt.
Das Geheimnis des Unscheinbaren
Um auf die Implikationen der Frage des vierjährigen Benedikt zurückzukommen: Seine Gleich- und Ineinssetzung von Jesus und Gott wird damit bestätigt: Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes. Er ist wesensgleich dem Vater, eines Wesens mit dem Vater. Bestätigt wird aber auch die in der Frage Benedikts implizit vorgenommene Differenzierung: Der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn nicht der Vater. Der Sohn ist „aus dem Vater gezeugt“, keineswegs aber „geschaffen“.
Das Geheimnis des Unscheinbaren leuchtet auf in der Identität Jesu: seinem Gottsein. Es leuchtet aber auch auf in der Identität Gottes, die sich im Sohn selbst offenbart und damit das Geheimnis Gottes lüftet. Tatsächlich kann man nach dem neutestamentlichen Befund Jesus nicht einfach mit Gott identifizieren. Vielmehr verweist das Neue Testament gerade im Blick auf Jesus in eigenartiger Weise von ihm weg auf Gott als seinen Vater hin. Während es sich im Blick auf Gott genau umgekehrt verhält: Die neutestamentliche Rede von Gott ist ganz davon bestimmt, dass dieser Jesus der Sohn Gottes ist.
Der berühmte Christushymnus aus dem zweiten Kapitel des Briefes des heiligen Paulus an die Gemeinde von Philippi gibt Beispiel, führt aber auch weiter: Wörtlich übersetzt heißt es da von Jesus Christus:
„6Er existierte in Gottesgestalt und hielt nicht für Raub, Gott gleich zu sein; 7doch entäußerte er sich und nahm Knechtsgestalt an: Er ward in Menschengleichheit und wurde in Wesensart als Mensch erfunden. 8Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, ja Kreuzestod. 9Deshalb hat auch Gott ihn übererhöht und ihm den Namen über jeden Namen geschenkt,10damit im Namen Jesu jedes Knie sich beugt, derer im Himmel und auf Erden und unter der Erde,11und jede Zunge bekennt: ‚Herr ist Jesus Christus zu Herrlichkeit Gottes des Vaters.“
Damit können wir die Frage des kleinen Benedikt beantworten: Jesus von Nazaret ist Gott von Beginn seines Menschseins an, also schon vorgeburtlich, bereits im Schoß seiner Mutter Maria. Insofern wurde Maria ja schon auf dem Konzil von Ephesus im Jahre 431 feierlich der Titel „Gottesgebärerin“ zugesprochen. Sie hat durch den Heiligen Geist Jesus empfangen, ihn „zu Elisabeth getragen“ und schließlich geboren.
Das Konzil von Chalkedon im Jahr 451 unterstreicht Jesu Gottsein noch einmal; und zwar mit Hilfe der Trinitätstheologie: Der Mensch Jesus von Nazaret ist als Mensch von Anfang an und ein für alle Mal aufgenommen in die zweite göttliche Person (in den Logos, den Sohn) des dreifaltigen Gottes.
Die Unscheinbarkeit seines Gottseins zeigt sich in Jesu atemberaubender „Karriere nach unten“. Sie gipfelt in seinem Kreuzestod. Hier zeigt Jesus, wer er wirklich ist und wozu er in die Welt gekommen ist: uns zu erlösen vor den Schrecken des Todes, die uns immer wieder zu Sklaven machen (vgl. Hebr 2,15). Am Kreuz wird offenbar: Gott selbst ist die Liebe. Sie ist stärker als der Tod.
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Beitragsfoto: © sensum.de | B. Schermuly

