Ein Hoffnungsort
Warum sich Bischof Jung in der Würzburger Bahnhofsmission engagiert
von Franz Jung
Schon mein allererster Dienst in der Bahnhofsmission konfrontierte mich mit allen Spielarten des Elends, die man meist nur theoretisch kennt, aber denen man hier ungefiltert begegnet: Armut, Einsamkeit, Fluchterfahrung, Obdachlosigkeit, Suchtverhalten, Arbeitslosigkeit und Krankheiten aller Art, die die gewohnten Begleiterscheinungen der Not sind. Das alles an einem Ort geballt, stimmt einen alles andere als hoffnungsvoll. Im Gegenteil. Es war ein Schock, der Armut in ihren vielen Gesichtern – Gesichtern im wahrsten Sinne des Wortes! – nämlich in Menschen, zu begegnen, so ganz offen und ungeschönt. Angesichts dieser Erfahrung mag man mit Recht fragen, ob die Bahnhofsmission überhaupt ein Hoffnungsort ist oder doch das Gegenteil dessen.
Hoffnung besteht in Spannungsverhältnissen. Zur Beantwortung dieser Frage hilft es zu klären, was Hoffnung auszeichnet. Erst wenn geklärt ist, was die Hoffnung ausmacht, kann auch der Frage nachgegangen werden, ob die Bahnhofsmission ein Hoffnungsort ist oder nicht. Was also zeichnet die Hoffnung aus? Hoffnung, so würde ich sagen, ist kein fester Zustand, sondern Hoffnung bezeichnet immer ein Spannungsverhältnis. Die Hoffnung lebt in der Spannung zwischen einem unerwünschten Ist-Zustand und der Aussicht darauf, dass es einmal besser wird, dass sich vielleicht sogar einmal der Ideal-Zustand einstellt. Die Hoffnung zeigt sich dabei als innere Spannkraft, die nicht klein beigibt, sich nicht unterkriegen lässt, sondern sich ausstreckt nach der Veränderung zum Besseren.
Lässt sich die Hoffnung als Spannungsverhältnis beschreiben, kann man auch die Bahnhofsmission als Hoffnungsort bezeichnen. Denn die Arbeit in der Bahnhofsmission bleibt voller Spannungen, wie sie jeder, der sich dort engagiert, erfährt. Das beginnt beim Bahnhof selbst. Er ist einerseits der Ort höchster Mobilität, andererseits aber auch der Ort, an dem sich all diejenigen versammeln, für „die der Zug im Leben abgefahren zu sein scheint“. Man erschrickt nachgerade über die vielen Metaphern, die der Welt des Bahnhofs entlehnt sind, um menschliche Not zu beschreiben. Da ist die Rede von denen, „die auf dem Abstellgleis gelandet sind“, oder von den „Abgehängten“ und „Ausrangierten“.
Inmitten dieser Spannung versteht sich die Bahnhofsmission bewusst als Haltestelle, nicht als Endstation. Auch wenn sie auf den ersten Blick für viele wie eine Endstation erscheinen mag, von ihrem Selbstverständnis her will die Bahnhofsmission dennoch Haltestelle sein: ein Ort, um einzukehren und aufzutanken, ein Ort, um Kraft zu schöpfen für die nächste Wegetappe, wie auch immer sie aussehen mag. Denn die Hoffnung geht voran und bleibt nicht stehen. Sie streckt sich immer neu nach dem aus, der vor uns liegt, nach Christus selbst (Phil 3,13).
„Wo soll ich denn hin? Ich kann nirgendwo hin …“, so schrie neulich jemand seine ganze Verzweiflung heraus, nachdem ihm wieder einmal die Tür gewiesen worden war. In der Bahnhofsmission begegnet man Menschen, hinter denen sich im Leben viele Türen geschlossen haben. Sie haben keinen Ort, wo sie hingehören und wo sie hinkönnten. Deshalb fahren sie oft ziellos durch die Lande, ohne jemals anzukommen.
Angesichts so vieler verschlossener Türen will die Bahnhofsmission die Tür offenhalten. Und zwar für 24 Stunden an sieben Tagen die Woche. Es ist der einzige Ort in Würzburg, der immer geöffnet ist und an dem man immer jemanden antreffen kann. Das macht die Bahnhofsmission so besonders. „Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann“, wird in der Offenbarung des Johannes zum Engel der Gemeinde von Philadelphia gesagt (Offb 3,8). „Philadelphia“ aber heißt übersetzt „Bruderliebe“. Diese Bruderliebe hält in Gestalt der Bahnhofsmission die Tür immer offen. Das macht sie zu dem Hoffnungsort unserer Stadt. …
… (Einzelausgabe kaufen für 3,80 € oder abonnieren)
Beitragsfoto: © Heiko Säle

