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Mit hörendem Herzen urteilen

08.01.2026

Als Bundeskanzler Friedrich Merz in einer ersten Reaktion auf die US-Militäraktion in Venezuela mit dem Hinweis reagierte, die völkerrechtliche Beurteilung sei komplex, schlug ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen. Zu zögerlich, zu ausweichend, zu unklar – so lautete der Vorwurf. Doch vielleicht lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Was sagt diese Debatte eigentlich über uns und unsere Zeit?

Wir leben in einer Kultur der sofortigen Reaktion. Social Media hat uns daran gewöhnt, dass auf jedes Ereignis binnen Minuten eine klare Position folgen muss. Wer zögert, macht sich verdächtig. Wer differenziert, gilt als unentschlossen. Die Forderung nach Schnelligkeit steht dabei in einem fundamentalen Widerspruch zur Forderung nach Differenzierung – und doch erwarten wir beides zugleich.

Dabei gibt es durchaus eine legitime Spannung, die wir anerkennen sollten: Ja, völkerrechtlich scheint die Lage klarer, als manche Statements es vermuten lassen. Ein Militärschlag ohne UN-Mandat bleibt ein Völkerrechtsbruch – daran ändert auch die komplexeste Analyse nichts. Gleichzeitig müssen Regierungsvertreter in ihrer diplomatischen Verantwortung mehr bedenken als nur die moralische Klarheit des Augenblicks. In einer Weltlage, in der Europa etwa auf amerikanische Sicherheitsgarantien für die Ukraine angewiesen ist, kann die Frage berechtigt sein: Ist es klug, das, was wir als richtig erkannt haben, auch unmittelbar und in aller Deutlichkeit zu äußern?

Hier liegt kein Widerspruch, sondern eine Rollenklarheit: Kirchen, Menschenrechtsorganisationen und auch die Opposition können und sollen die moralische Wahrheit beim Namen nennen. Eine Regierung muss zusätzlich die Folgen ihrer Worte für künftige Handlungsspielräume abwägen. Beides hat seine Berechtigung – und beides ist nötig.

Papst Benedikt XVI. erinnerte bei seiner heute noch beachtenswerten Rede im Deutschen Bundestag 2011 an König Salomo, der Gott nicht um Macht oder Reichtum bat, sondern um ein hörendes Herz – ein hörendes Herz, das die Grundlage bildet, um Gut und Böse zu unterscheiden (vgl. 1 Kön 3,9). Vielleicht brauchen wir heute eine solche Haltung mehr denn je: Ein Herz, das hört, bevor es urteilt. Ein Denken, das abwägt, bevor es verkündet.

Das bedeutet nicht moralische Beliebigkeit. Es bedeutet auch nicht, Unrecht zu relativieren. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns als Einzelne wie als Gesellschaft wieder bewusster werden, zwischen verschiedenen Ebenen zu unterscheiden – zwischen moralischer Klarheit und politischer Klugheit, zwischen Echtzeit-Empörung und verantwortlicher Urteilsbildung.

In einer Welt, die immer lauter nach schnellen Antworten schreit, mag Geduld wie Schwäche wirken. Doch vielleicht ist gerade das Gegenteil wahr: Vielleicht ist die Fähigkeit, Komplexität auszuhalten und dennoch handlungsfähig zu bleiben, eine der wichtigsten Tugenden dieser Zeit.

P. Frank Riedel, München
Schönstatt-Pater

Foto von Beyzaa Yurtkuran: https://www.pexels.com/de-de/foto/vintage-zeit-sammlung-uhren-17116026/

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