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Rush Hour als Dauerzustand

Rush Hour als Dauerzustand

Die Sehnsucht nach Balance in Familien 

von Maria Wolff

Ein Urlaub geht zu Ende: …

Nach einer Krankheit, einem Erschöpfungszustand wieder an der Schwelle zum Alltag: …

Ein neues Jahr fängt an: …

„So wie in der vergangenen Zeit soll es nicht mehr weitergehen. Es braucht mehr Balance im Leben.“ Wahrscheinlich kennen die meisten von uns diese Situationen.

Familienleben im Wandel

Der Familienalltag mit Kindern macht deutlich, wie eingespannt-angespannt es bei jungen Familien zugeht. Ein Geflecht von Faktoren zerrt in verschiedene Richtungen. Konnte die Boomer-Generation in der Kinderphase der Familie noch bedenkenlos beruflich – ohne Angst vor Altersarmut – zurückschrauben, sieht das heute schon ganz anders aus. Die Boomer haben häufig mehrere Kinder durch die verschiedenen Entwicklungsstufen begleitet, sind auch heute als Großeltern und ehrenamtlich Tätige intensiv im Einsatz und kümmern sich um die noch ältere Generation, die nach wie vor meist von der eigenen Familie betreut wird. Die Rollen waren in der Regel – mit kleinen Varianten – klar aufgeteilt und es gab personelle Konstanten im Familienleben, die tagsüber verlässlich Ankerplatz bedeuteten.

Wenn es heute jeden Tag neue Vermerke zu den Themen Rente, Witwenrente, Ehegattensplitting usw. gibt, schleicht sich beim Stil dieser Diskussionen – vor allem bei älteren Frauen – häufig das Gefühl ein: „Ich habe beruflich zurückgeschraubt und war jeden Tag mehr oder weniger von morgens bis abends im Einsatz. Aber offenbar habe ich nicht viel Relevantes für die Gesellschaft beigetragen, das eine gesicherte Rente für mein Tun rechtfertigen würde.“ Es entsteht bei vielen der Eindruck: Die momentan noch zugesagte (auch durch den Ehepartner ermöglichte) Alterssicherung bleibt für uns als eine Art Zugeständnis an unsere Generation bestehen – weil sie es halt nicht besser wusste. Aber für die Jungen kann das nicht mehr so bleiben.

An vielen Stellen wird um die Vollbeschäftigung beider Partner gerungen. Schon wer sich dauerhaft für Teilzeit entscheidet, macht sich gelegentlich verdächtig, sich vor gesellschaftlichen Beiträgen drücken zu wollen. So steht die möglichst umfangreiche berufliche Beschäftigung beider Partner – meist außer Haus – als Quasi-Ideal für jede Familie im Raum. Abhilfe in der Betreuung der Kinder sollen Kitas und Horte schaffen, was aber in der Praxis – wegen Fachkräftemangel und seit Corona auch wegen häufiger Krankheitsausfälle – ein recht unsicheres Unterfangen sein kann. Dann müssen andere Lösungen herbeigezaubert werden, wenn morgens um 7 Uhr eine Nachricht auf dem Handy erscheint, dass nur eine Notbetreuung möglich ist.

Persönliche Entfaltung und öffentliche Mitgestaltung

Eltern heute haben zu Recht das Anliegen, dass im Sinne der persönlichen Entfaltung die Möglichkeit, beruflich am Ball zu bleiben, im Laufe des Lebens ermöglicht werden sollte. Früher sind wertvolle Beiträge – vor allem von Frauen – in der Öffentlichkeit auf der Strecke geblieben, weil es kaum Alternativen zum Modell „Vollzeitberuf des Mannes, etwas Ehrenamt – Vollzeit der Frau in Familie, Haushalt, Großfamilie, Ehrenamt“ gab. Theoretisch gibt es heute viel mehr Varianten, doch in der Praxis erweist sich das immer wieder als stressiges Unterfangen. Und finanziell sollte es halt auch hinhauen.

Lebensstandard

Ein weiterer Aspekt sind gestiegene Ansprüche an den eigenen Lebensstil, den Lebensstil der Kinder und die Erwartungen von außen, etwa der Schule. Spielzeugberge, teure Klassenfahrten, technische Ausstattung, Essen außer Haus, Fertigprodukte usw. Ohne Urlaubsaufenthalte geht es fast nicht mehr, weil man – verständlicherweise – diese Unterbrechungen zum Überleben der Alltagsmühle braucht.

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Maria Wolff

Institut der Schönstattfamilien, Mitglied der basis-Redaktion.

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Beitragsfoto: © Petro · stock.adobe.com