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Heilsgeschichte als Sehnsuchtsgeschichte?

Heilsgeschichte als Sehnsuchtsgeschichte?

von Manfred Gerwing

Alle Menschen sehnen sich nach Glück. Das wussten schon die antiken Philosophen. Nur, was ist Glück? Hier gingen und gehen bis heute die Antworten auseinander. Platon etwa sah das höchste Glück des Menschen darin, das Wahre und Gute zu erkennen. In seinem berühmten Höhlengleichnis spricht er davon:

Die Sehnsucht nach dem wirklichen Glück sei besonders bei den Menschen ausgeprägt, die erkannt haben, dass sie aus einem lichtvolleren Dasein in eine dunkle Höhle geraten seien. Hier sitzen sie jetzt wie Gefangene und sehen nur Schatten, nicht aber die Wirklichkeit selbst. Danach ginge aber ihr Sehnen und Streben: Endlich ins Helle, Lichte, Wahre und Gute zu gelangen. Es gelte, sich um die „Kunst des Umdenkens“ zu bemühen, den Grund des Schattenwurfs zu erkennen und sich zur Lichtquelle hinzuwenden (Platon, Politeia 514–517a).

Und in der Tat: Die Sehnsucht nach Hohem und Höchstem wusste auch Jesus von Nazareth bei seinen Jüngern anzustacheln. Seine Botschaft vom ankommenden Reich Gottes ist voll davon. Nehmen wir nur als Beispiel seine berühmte Bergpredigt, wie sie in Mt 5,1–7,29 nachzulesen ist. Sie hat eine bis heute andauernde Wirkungsgeschichte. Sie spricht die Menschen bis heute an, weit über den christlichen Bereich hinaus.

Die Sehnsucht nach dem Wahren und Guten

Bemerkenswert ist schon die Ortsangabe zu Beginn: „Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie.“

Jesus setzt sich. Er nimmt Platz auf der Höhe eines Berges. Die Zeitgenossen haben sofort verstanden, was das bedeutet: Jesus tritt als Lehrer auf. Er lehrt mit Vollmacht. Er nimmt Platz auf der „Kathedra des Berges“. Nicht das Leichte und Seichte fasziniert, sondern das arduum, das Schwere, Steile und Höchste spricht an. Jesus tritt nicht nur als Lehrer Israels auf, sondern als Lehrer aller, die aus den heillosen Verstrickungen ihres Daseins befreit werden möchten, aller, die Sehnsucht nach dem Licht, dem Wahren und Guten haben.

Es sind die „Jünger“, die hinzutraten und ihm zuhörten. „Jünger“ sind die, die sein Wort hören. Im Ursprungstext steht mathētēs, was im Griechischen das Wort für „Schüler“, „Lehrling“ ist. Es ist von dem Verb manthanein abgeleitet, was „lernen“ bedeutet. Vergessen wir nicht: Es geht in der christlichen Botschaft um Lehre und Lernen, den Menschen in all seinen Dimensionen ansprechenden Lehr- und Lernprozess. Hören wir kurz in den Anfang der Bergpredigt hinein; und zwar in möglichst wörtlicher Übersetzung. Hören wir, was Jesus uns lehren will:

„Selig die Armen für den Geist:
Ihrer ist das Königtum der Himmel.
Selig die Trauernden: Sie werden getröstet werden.
Selig die Sanften: Sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit:
Sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen: Sie werden Erbarmen finden.
Selig die im Herzen Reinen: Sie werden Gott schauen.
Selig die Friedenstifter:
Sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig die wegen Gerechtigkeit Verfolgten: Ihrer ist das
Königtum der Himmel.“

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Manfred Gerwing

Univ.-Prof. (em.) Dr. Manfred Gerwing, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Mitglied des Schönstatt-Familienbunds in Deutschland. Wegen seiner Verdienste in Wissenschaft und Kirche erhielt er 2019 den Gregorius-Orden, einen der höchsten Orden, die der Papst an Laien verleiht.

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