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Ansgar Puff

Aug um Auge, Zahn um Zahn

31.05.2017

Nun ist sie zu Ende, die erste Auslandsreise des amerikanischen Präsidenten.
Die Ergebnisse: Ein Waffendeal mit den Saudis über mehr als 100 Milliarden Euro. Ein peinlicher Eintrag ins Gästebuch in Yad Vashem, als wäre das ein Poesiealbum. Ein Foto mit Papst Franziskus, das an die Begegnung zwischen David und Goliath erinnert. Und ein so gravierender Dissens auf dem G 7 Gipfel, dass Angela Merkel die USA nicht mehr für verlässlich hält.
„Hat sich jemals ein amerikanischer Präsident so aufgeblasen und dabei doch so klein gemacht?“ fragt ein Kommentator der FAZ.
Und eine Boulevardzeitung titelt als Schlagzeile: „Ein TRUMPeltier bereist die Welt!“

Mir liegt ein Trump-Bashing ganz fern. Ich achte, dass Donald Trump der demokratisch gewählte Präsident der USA ist. Ich halte ihn für berechenbar; er ist sich selbst treu: als Präsident tut er jetzt genau das, was er vorher im Wahlkampf angekündigt hat: „America first!“

Ein Schlüssel, um ihn verstehen zu können, ist für mich seine Antwort auf die Frage, ob er eine Lieblingsstelle aus der heiligen Schrift habe. Trump wählte aus dem alttestamentlichen Buch Exodus den Satz: „Auge und Auge, Zahn um Zahn!“

Fast zeitgleich: evangelischer Kirchentag in Berlin.
Obama, der „Präsident im Ruhestand“ appelliert er an die Jugend und sagt: „Sie können die Welt nicht über Nacht verändern. Aber jeder Schritt, den Sie unternehmen, jedes Mal, wenn sie gegen Intoleranz aufstehen, verbessern Sie die Welt.“ „Wir müssen daran glauben, dass wir Dinge verbessern können, dass wir Menschen mit Güte und Toleranz begegnen können, dass wir unter einem gütigen Gott leben.“

Zwischen diesen beiden Haltungen: „Wie du mir, so ich dir!“ oder der Haltung, „Menschen mit Güte zu begegnen, weil wir unter einem gütigen Gott leben“ müssen wir nun wählen.
In den großen Fragen der Politik, aber auch im täglichen Leben.
Bei der Frage, wie viele Flüchtlinge wir zu retten bereit sind; aber auch bei der Frage, wie ich mit meinem Nachbarn umgehe, der den Müll immer neben die Mülltonne wirft.

Güte darf aber nicht mit Weichheit verwechselt werden. Zur Güte gehört Konsequenz und Strenge, besonders zum Schutz des Schwächeren. Und zur Güte gehört Wahrheitsliebe: die Bereitschaft, die Realität als Chance und als Auftrag zu betrachten.

Vernunft, Mut, Weisheit, Unterscheidungsvermögen und Gottesfurcht – diese Fähigkeiten brauchen wir mehr denn je. Sie sind Geschenke, die der Geist Gottes macht. Wie gut, dass gerade Pfingsten ist. Wie gut, dass Gott uns alle für lernfähig hält!

Weihbischof Ansgar Puff, Köln


                                     Foto: © pixabay.com

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