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Auf einmal ganz nah

27.05.2026

Es ist so wie bei vielem im Leben: Ist es weit weg, berührt es nur bedingt. Selbst einen Krieg empfinden sicher die meisten als schlimm, doch die Wahrnehmung der Berichterstattung über Leid an fernen Orten unterliegt dem Gewöhnungseffekt.

So ähnlich ist es mit einer Krankheit, die sich ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) nennt. Als vor kurzem das ZDF einen Bericht darüber ausstrahlte, merkte ich den Unterscheid. Weil eine junge nahe Verwandte an der Krankheit leidet und unsere täglichen Gespräche darum kreisen, empfinde ich die Ebolaviren in Afrika zwar für tragisch, doch jene Krankheit als ganz nah und dadurch mit großer Betroffenheit.

Es ist eine schwere, chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung, an der in Deutschland etwa 650.000 Menschen (mit einer wohl großen Dunkelziffer) leiden. Gekennzeichnet ist sie oft durch den plötzlichen Beginn nach einer Virusinfektion (wie Grippe, Pfeiffersches Drüsenfieber oder COVID-19). Sie führt zu starker Erschöpfung und tiefgreifenden Leistungseinschränkungen. Bereits geringe körperliche oder geistige Anstrengungen führen zu einer drastischen, oft zeitverzögerten Zustandsverschlechterung (Crash). Es tritt eine tiefe, langanhaltende Erschöpfung ein, die sich auch durch Schlaf- oder Ruhephasen nicht bessert, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, häufig auch Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen sowie Herz-Kreislauf- oder Immunprobleme auslöst.

Berichte ich jemandem davon, kommt sehr schnell die Frage: „Ist das nicht vielleicht doch psychosomatisch?“ Nein, ist es nicht. Es ist eine Krankheit, die etwa nach einer Impfung mit nachfolgendem Infekt auch dich und mich erwischen kann.

Und dann? Es beginnt eine lange Phase des Aushaltens, Durchstehens und der Ohnmacht. Denn eine ursächliche medikamentöse Therapie gibt es bisher nicht. Eine Behandlung kann nur einzelne Symptome wie Schmerzen oder Schlafstörungen lindern. Die Patienten müssen ein „Pacing“, ein individuelles Energiemanagement, erlernen, um Überlastungen zu vermeiden. Strikt müssen sie die eigenen Energie- und Belastungsgrenzen einhalten, um dadurch eine Verschlechterung der Symptome zu verhindern.

Die Betroffenen und ihre Familien müssen sich täglich neu dazu durchringen, diesen Zustand in Geduld zu ertragen. Das biblische Wort für Geduld bedeutet im Urtext oft „Ausharren“ oder „standhaftes Ertragen“ – eine Haltung, die beim Pacing und dem Leben mit einer chronischen Erkrankung täglich gefordert ist. Vielleicht können hoffnungsvolle Worte des Propheten Jesaja (40,29-31) ermutigen:

„Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke.
Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen.
Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft,
wie Adlern wachsen ihnen Flügel.
Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“ 


Pressefoto: Sergei Preis und Deutsche Gesellschaft für ME-CFS

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