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Aufbrüche entdecken

Aufbrüche entdecken

Zugleich die Realität sehen und anerkennen

von Hubertus Brantzen

Kommt man mit Menschen ins Gespräch, denen Glaube und Kirche wichtig sind, dann erlebe ich überwiegend zwei Reaktionen. Die einen beklagen sich über den fortschreitenden Säkularisierungsprozess in unserer Gesellschaft und erzählen von ihren jüngsten Erfahrungen, wie es mit Glauben und Kirche gegenwärtig bergab geht. Die anderen haben ihre Gruppe oder Nische gefunden, in der sie über ihren Glauben sprechen können, gegenseitige Ermutigung erfahren und schwierige kirchliche Verhältnisse einfach ausblenden.

Beide Reaktionsweisen sind aufs Ganze gesehen wenig hilfreich, weil sie nur Teile der Wirklichkeit berücksichtigen. Auf der einen Seite erzeugen dauerndes Kirchengejammer und immer neu aufgelegter Kirchenfrust eine Atmosphäre der Niedergeschlagenheit, in der sich die Einzelnen in eine Glaubenseinsamkeit hineinreden, die sie wie in einer Sackgasse am Ende selbst daran zweifeln lässt, ob das alles mit dem Glauben so richtig ist. Auf der anderen Seite missachten solche, die sozusagen ihre gläubige Seele in Sicherheit bringen, den Missionsauftrag Jesu (Mt 28,16–20). Danach ist Glaube kein Wohlfühlpaket für religiöse Einzelgänger und Kleingruppen, sondern beinhaltet den Auftrag, bis an die Grenzen der Erde zu gehen, um das Evangelium zu verkünden.

Glauben und Kirche realistisch anschauen 

Gegenwärtige negative Glaubens- und Kirchenerfahrungen sollen und dürfen nicht kleingeredet werden. Mit den Argumenten „Sei mal nicht so negativ!“ oder „Denke doch mal positiv!“ sind sie nicht aus der Welt zu schaffen. Sie werden lediglich verdrängt. Einige solcher Kirchenerfahrungen seien benannt.

Ohne Zweifel bringen die neuen Seelsorgestrukturen einen weiteren Schub an Entheimatung mit sich. Die Erfahrung ist eindeutig: Findet nicht vor Ort ein Sonntagsgottesdienst statt, machen sich nur solche auf den Weg in eine andernorts gehaltene Eucharistiefeier, die entschieden und unabhängig von den Umständen diese Feier als einen hohen Wert einschätzen. Wenn, so ein weiteres Beispiel, in einer Großraumpfarrei in einem Jahrgang 140 Kinder auf die Erstkommunion vorzubereiten sind, müssen die weniger werdenden Hauptamtlichen, meist mit wenig Unterstützung, doch mit vielen Forderungen der Eltern, irgendwie den Vorbereitungsweg managen. Doch von einem Prozess echter Sozialisation in den Glauben und von einer Hineinführung in die Gemeinde kann kaum die Rede sein. 

Alles scheint auf eine Kirche von Entschiedenen hinauszulaufen. Es ist abzusehen, dass in naher Zukunft nur noch die mit Glauben und Kirche etwas anfangen können, die aus innerer Überzeugung einen Weg des Glaubens in der Gemeinschaft der Kirche gehen wollen. Wie vielen Eltern, für die das religiöse Leben ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist, blutet das Herz, weil ihre Kinder, selbst noch getauft und gefirmt, andere Wege gehen!

In Gesprächen taucht zunehmend die Frage nach den Freikirchen auf: „Was haben die, was wir nicht haben?“ Während die beiden Großkirchen Immobilien einschließlich Kirchen abstoßen müssen, um ihre Finanzen zu regulieren, haben manche Freikirchen einen solchen Zulauf, dass sie größere Versammlungsräume suchen und beginnen, Hallen für ihre Events zu bauen.

Diese Situation gilt es in einer sich wandelnden Glaubenssituation realistisch anzuschauen. Sie schönzureden, dass etwa die neuen Pfarreistrukturen angeblich „ganz neue Möglichkeiten eröffnen“, ist oft ein Tröstungsversuch. Menschen, denen die Kirche wirklich am Herzen liegt, müssen den Prozess des Abschieds von Liebgewordenem und der Trauer aushalten lernen. weiterlesen? 

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Hubertus Brantzen

Prof. Dr., Pastoraltheologe, Mainz.

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