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Dass das Leben junger Menschen gelingen kann

Dass das Leben junger Menschen gelingen kann

Erfahrungen eines Seelsorgers in einem muslimisch geprägten Stadtviertel

von Dirk Bingener

Die Rechnung erscheint einfach: Mit den vielen Menschen, die als Geflüchtete zu uns  kommen und einen anderen, meist muslimischen Glauben mitbringen, verändert sich etwas. Zumal sie – so die Annahme – auf eine bundesdeutsche Gesellschaft treffen, die zunehmend unreligiöser wird.

Diese Überzeugung wird nicht nur von Rechtspopulisten vertreten. Vielmehr wird man selbst – besonders  wenn bekannt ist, dass man für die Kirche arbeitet – darauf angesprochen. Die stille Erwartung dabei ist, man möge doch einstimmen in das Lamento: Starker Islam trifft auf desolates Christentum. Oder anders gesagt: Kirchen schließen und Moscheen sprießen wie Pilze aus dem Boden. Und mit den Moscheen kämen vermeintlich(!) Einstellungen ins Land, die wir längst überwunden glaubten: politische und religiöse Intoleranz, Homophobie, Ungleichbehandlung der Geschlechter usw.

Ganz andere Erfahrungen

Szenenwechsel: Ich wohne mit einer kleinen Unterbrechung seit 2001 in einem Viertel, in dem mehr Menschen muslimischen Glaubens leben als Christinnen und Christen. Das Viertel liegt rechtsrheinisch und hat 20.000 EinwohnerInnen: Köln-Vingst. Über mir im Haus wohnt eine Gemeinschaft von Franziskanern. Einer von ihnen, Bruder Jürgen, kümmert sich seit vielen Jahren um drei muslimische Jugendgruppen. Die Jugendlichen kommen derzeit aus Bulgarien und der Türkei. Bruder Jürgen spricht deren Sprache und fragt mich von Zeit zu Zeit, ob die MessdienerleiterInnen wieder beim gemeinsamen Fußballturnier dabei sind und wann wir noch einmal das Friedensgebet der Religionen wiederholen. Und ich antworte ihm dann meistens: Fußballturnier läuft, die Sache mit dem Friedensgebet müssen wir irgendwie so einstielen, dass man nachher noch was miteinander macht, möglichst unkompliziert und nett. Und so funktioniert es dann auch. Gemeinsam. Wir begegnen uns.

Generell lässt sich für die Arbeit im Viertel sagen, dass die Trennlinie bei uns nicht zwischen katholisch oder evangelisch verläuft, christlich oder muslimisch, religiös oder atheistisch. Die Trennlinie verläuft zwischen denen, die etwas für Jugendliche im Viertel erreichen wollen und denen, die das nicht wollen. Das schließt das gemeinsame Engagement und die Begegnung miteinander ebenso ein wie ein profiliertes Angebot der einzelnen Akteure für ihre Zielgruppe, was z.B. soviel heißt wie: die katholische Gemeinde hat ein großes Interesse daran, dass die Jugendarbeit in der muslimischen Gemeinde läuft, genauso wie in der evangelischen Gemeinde und natürlich auch in den Organisationen, die nicht religiös gebunden sind und umgekehrt. Warum? Weil wir sonst ein gemeinsames Problem im Viertel haben, dass nämlich Jugendliche, um die sich niemand kümmert, auf dumme Gedanken kommen.

Grundfragen verbinden alle

Gemeinsam ist übrigens auch die Erfahrung, dass viele Jugendliche im Viertel die gleichen Fragen an ihr Leben haben. Manchmal zwar eher unausgesprochen, aber doch erkennbar: Erstens: Wo bin ich geborgen? Zweitens: Was wird aus mir? Und drittens die für eine Gesellschaft nicht unwichtige Frage danach, wie wir künftig leben wollen? Hier leisten die Religionsgemeinschaften einen wichtigen Beitrag. Denn gemeinsam ist uns der Respekt vor dem Leben, die Nächstenliebe, die Hilfe für die Bedürftigen und schließlich die Einsicht, dass ich jeden Menschen so behandle, wie ich selbst gerne behandelt werden möchte. Diese Werte ganz konkret im Alltag und vor Ort umzusetzen, das ist die gemeinsame Aufgabe.

Vor dem hier geschilderten Hintergrund und der gemeinsamen Herausforderung wird nun deutlich, wie verfehlt die Diskussion darüber ist, ob das christliche Abendland verloren geht, wenn Menschen anderen Glaubens zu uns kommen. Warum? Weil in dieser Diskussion das Trennende betont wird.

Die Frage nach dem Untergang des christlichen Abendlandes geht schon von einer falschen Prämisse aus. Sie unterstellt nämlich, es gäbe so etwas wie ein christliches Abendland. Dazu formuliert Manfred Becker-Huberti, Theologe und Brauchtumsforscher, in einem Artikel, der im letzten Jahr bei Katholisch.de erschienen ist: „Das christliche Abendland ist eine Fiktion.“

Begegnung statt Abgrenzung

In einem Ritt durch die Geschichte legt er dar, wie die Verwendung des Begriffs vom christlichen Abendland durch die Jahrhunderte hindurch immer dann zur Höchstform auflief, wenn es darum ging, sich abzugrenzen. Und er schließt mit der Feststellung: „Für etwas anderes als Abgrenzung taugt der Begriff ‚christliches Abendland’ nicht… Damit will sich ein fiktives ‚Wir’ von einem gefahrvoll dargestellten ‚Nicht-Wir’ abgrenzen.“ Wenn der Zuzug von Menschen dazu führt, dass wir uns abschotten oder dass diejenigen, die zu uns kommen, uns einfach egal sind, dann geht dieser Gesellschaft etwas Wesentliches verloren, was über die Jahrhunderte hinweg Geltung hatte: die Gastfreundschaft! Also das Interesse am Anderen und die Erkenntnis, Neues als Bereicherung zu schätzen. Damit dies nicht verloren geht, ist es eine der dringlichsten Aufgaben christlicher ebenso wie muslimischer Jugendarbeit, (noch) mehr Begegnung und Austausch zu ermöglichen. Das schließt übrigens mit ein, dass man sich gegenseitig für Bedingungen und Strukturen einsetzt, die eine qualifizierte und strukturell gefestigte Jugend(verbands)arbeit ermöglicht. Allen Akteuren gemeinsam ist also das Interesse, den jeweiligen Beitrag dazu zu leisten, dass das Leben junger Menschen gelingen kann.

Letzte Woche Samstag stand die AfD mit einem Wahlkampfstand mitten in Vingst. Das hat mich erst erschrocken und dann sehr motiviert: Für meine Arbeit an dem Ort, an dem ich lebe, ebenso wie für unsere Aktion „Zukunftszeit“, mit der wir zeigen wollen, wie bunt wir als katholische Jugendverbände unser Land wünschen und was wir dazu beitragen können. Für die, die neu zu uns kommen und für alle anderen natürlich auch.

„Zukunftszeit – Gemeinsam für ein buntes Land“ ist eine Aktion des BDKJ-Bundesverbands und seiner Mitglieds- und Diözesanverbände gegen Ausgrenzung und für Vielfalt! Junge Menschen engagieren sich bundesweit für die Integration von Geflüchteten und widersprechen jeder Form von Menschenfeindlichkeit. Es ist Zukunftszeit! – www.zukunftszeit.de

Dirk Bingener

Priester des Erzbistums Köln, KJG-Mitglied, 2007-2015 Diözesanpräses des BDKJ Köln, seit 2015 BDKJ-Bundespräses.

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