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Der eine Träne und ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert

Der eine Träne und ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert

von Sarah Jehle

Wer ist Gott für mich – als Frau in den Medien? So lautete der Arbeitstitel und ich habe mir schon ein paar Gedanken darüber gemacht, wie mein Beruf als Redakteurin mein Gottesbild beeinflusst – ober eben nicht. Aber im Moment drehen sich meine Gedanken um etwas ganz anderes.

Ich sitze im Zug von Frankfurt nach Ravensburg, wo ich aufgewachsen bin. Ich sitze hier nicht, weil ich mal wieder meine Eltern sehen will oder mit der Clique von früher auf einem Geburtstag eingeladen bin. Ich fahre so spät am Abend, und das noch nicht einmal am Wochenende, weil ich heute Mittag erfahren habe, dass meine Oma im Sterben liegt. Sie ist im Krankenhaus und die Ärzte wissen nicht, ob sie die Nacht übersteht.

Und was tue ich? Ich bete. Ich bete, weil man das eben so macht? Oder weil ich das eben so mache, wenn mich etwas derart umtreibt? An wen sind diese Bittrufe gerichtet? An diesen Gott, der meine Oma vom Leiden erlösen soll? An diesen Gott, der sie nach ihrem Tod bei sich aufnehmen soll? Der mir helfen soll, richtig mit der Situation umzugehen?

Ich finde es selbst erstaunlich, aber der Schuldige, der für ihr Leiden verantwortlich ist, der ist Gott in dieser Geschichte nicht.

Mein Gott ist manchmal unverständlich, aber nie willkürlich. Er ist hin und wieder tadelnd, aber nie grausam. Mein Gott ist manchmal hilflos, aber nie machtlos. Und Hilfe bekommt er im Moment auch eine ganze Menge. Von meiner Mutter und meinem Vater, die sich um die Oma kümmern. Von meiner Schwester, die sich um meine Eltern kümmert, und auch von mir, die ich mir die Sorgen von meiner Schwester anhöre und eben auch jetzt im Zug sitze. Obwohl schwer zu sagen ist, ob ich das meinetwegen oder um meiner Oma Willen tue. Meinem Gott ist das aber ganz egal. Er nimmt jede Hilfe an, die er kriegen kann, und bedankt sich immer ausreichend dafür. Mit einem Zug, der mal nicht zu spät kommt. Mit einer Nachricht einer Freundin, die an mich denkt, oder mit einer Erinnerung an meine Oma, die mir gleichzeitig ein Lächeln und eine Träne aufs Gesicht zeichnet.

Sarah Jehle

Ernährungswissenschaftlerin, Mitglied der Basisredaktion.

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Foto: © alex.pin · stock.adobe.com