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Der freie Wille und seine Feinde

Der freie Wille und seine Feinde

von Klaus Glas

Mitte der 1960er Jahre entdeckten deutsche Forscher, dass schon eine Sekunde vor einer einfachen Fingerbewegung im Gehirn ein sog. Bereitschaftspotential nachgewiesen werden kann. Einige Jahre später wollte der Neurowissenschaftler Benjamin Libet nachweisen, dass der Willensakt diesem elektrophysiologischen Signal vorangeht. Der Geist entscheidet sich, eine Handlung auszuführen, dann reagiert das Gehirn. Libet dachte sich eine Versuchsanordnung aus, bei der eine Person zu einem frei gewählten Zeitpunkt ein Knöpfchen auf einer Tastatur drücken sollte. Um den Moment der Willensentscheidung zu erfassen, setzte er die Teilnehmer vor eine Uhr, auf der ein einziger Zeiger zügig seine Kreise zog. Anhand der Zeigerposition sollten die Personen angeben, wann sie ihre Entscheidung fassten. Zum Erstaunen des Versuchsleiters kam bei der Untersuchung heraus, dass der bewusste Geist der unbewussten Gehirnaktivität hinterherhinkte: Erst 800 Millisekunden nach dem Bereitschaftspotential trat der Wille auf den Plan. „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“, lautete fortan das vielzitierte Credo des Wissenschaftlers.

Ein Experiment mit Folgen

Einem Laien mag der Bruchteil einer Sekunde ein Achselzucken abringen. Aber in der Wissenschaft ist es wie beim Hundertmeterlauf: Millisekunden entscheiden über Sieg oder Niederlage. Der Wille ist entweder frei oder determiniert. Oder wären für den Willen beide Zustände möglich – in Analogie zum Phänomen des Lichtes? Licht verhält sich, der Quantenphysik zufolge, weder wie eine Welle noch wie ein typischer Teilchenstrom, sondern zeigt sich mal auf die eine, dann auf die andere Weise. Libet jedenfall bekam wegen der ethischen Implikationen seiner Entdeckung Bauchweh. Er versuchte, dem Willen aus der Patsche zu helfen und postulierte: Verhalten beginne zwar unbewusst, aber das Bewusstsein habe ein Vetorecht; eine Person könne immer noch darüber bestimmen, ob sie den Finger bewegen will oder nicht.

Ist der Wille determiniert oder frei?

Manche Wissenschaftler haben mit Libet‘s Experiment einen deterministischen Standpunkt unterfüttert. So ist für den Hirnforscher Wolf Singer klar: Der freie Wille ist eine Illusion. Das Ich, das Philosophen und Theologen jahrhundertelang voraussetzten, ist seiner Überzeugung nach lediglich die subjektive Erfahrung von stattfindender Gehirnaktivitiät. Der Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer stellt dagegen die Frage, ob das Libet-Experiment überhaupt eine Willensentscheidung abbilde. Bauer verwendet für die Betrachtung des Leib-Seele-Problems die Klavier-Metapher: Demnach ist die Beziehung zwischen Gehirn und Geist vergleichbar mit einem Klavier und der Musik, die darauf gespielt wird. Ob auf dem Musikinstrument Chopin oder die „Beatles“ erklingen, sei nicht vom Klavier abhängig. „In ganz ähnlicher Weise unterliegen auch die Inhalte von Geist und Bewusstsein keinem physikalisch oder biochemisch vorherbestimmten Ablauf“, sagt Joachim Bauer.
In dem Film „Men in Black“ (1997) sieht man in einer Szene Will Smith, der einen sterbenden Mann vorfindet. Zur Überraschung des Zuschauers öffnet sich plötzlich das Gesicht der Person wie eine sich öffnende Tür. Im Kopf kommt ein kleines Männchen zum Vorschein. Der außerirdische Homunkulus steuert von hier oben aus mit Schalthebeln den Organismus. In analoger Weise glauben wir daran, ein Ich zu haben, das als feste Instanz an einem bestimmten Platz im Gehirn verortet ist. Dem ist aber nicht so, sagt Michael Gazzaniga, der seit mehr als 50 Jahren das Denkorgan erforscht. Gehirn und Geist seien untrennbar miteinander verbunden. Das Ich bestünde aus einer Myriade von neuronalen Modulen.
Gazzanigas Forschungen zufolge entsteht das subjektive Erleben, eine freie Persönlichkeit zu sein, aus dem immerwährenden Bemühen des Gehirns, die unzähligen Bestandteile zu erklären, die zufällig ins Bewusstsein gelangen. Er konnte ein Interpretier-Modul in der linken Gehirnhälfte ausmachen, das einem quasi per Software das Gefühl vermittelt, man verfüge über ein Ich, das alle Bewusstseins-Fäden zusammenhält.

Wo im Gehirn der freie Wille wohnt

Mediziner verorten die neuronale Bühne, auf welcher der Wille auftritt, im präfrontalen Cortex. Das ist jener Teil des Gehirns, der direkt hinter der Stirn liegt. Tatsächlich hat man den Eindruck: hinter meiner Stirn sitzt mein Ich. Von hier aus denke, grüble und liebe ich.
Viel Wissen über die Funktionen der Hirnareale hat man durch das Studium von hirnverletzten Personen gewonnen. Ein in der Fachwelt bekannter Patient ist Phineas Gage. Der US-Amerikaner war Vorarbeiter beim Bau einer Bahnstrecke. Im Jahr 1848 schoss ihm bei einem Unfall eine ein Meter lange Eisenstange durch den Kopf. Das Geschoss trat unterhalb des linken Wangenknochens ein und an der vorderen Oberseite des Schädels wieder aus; dabei wurden Teile des präfrontalen Cortex verletzt (s. Abbildung). Wie durch ein Wunder überlebte der 25-Jährige. Aber die Persönlichkeit des Mannes, der als zuverlässig und freundlich bekannt war, änderte sich von Grund auf. Nach dem Unfall war er reizbar, respektlos und übellaunig. Da er wegen seines schlechten Benehmens seine alte Arbeitsstelle nicht wieder aufnehmen durfte, nahm er Gelegenheitsjobs an und stellte sich als Attraktion im New York Museum zur Schau (s. Abbildung).
Im präfrontalen Cortex, der bei Gage verletzt wurde, sind die Fähigkeiten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und das Einhaltenkönnen sozialer Normen beheimatet. Joachim Bauer bezeichnet deswegen das Stirnhirn als den „Ort des freien Willens“. Exekutive Funktionen, etwa die Fähigkeit, beim Lesen die Aufmerksamkeit auf diesen Artikel zu fokussieren und gleichzeitig den Impuls zu unterdrücken, etwas zu trinken zu holen, werden von hier aus gesteuert.

Glaube an den freien Willen wichtig

Für Deterministen ist der freie Wille eine Illusion, ein Zaubertrick unserer grauen Zellen, der über die wahren Verhältnisse hinwegtäuscht. Der Hirnforscher Joseph LeDoux äußert unverblümt, wir seien als Persönlichkeit lediglich unsere Synapsen – mehr nicht! Wenn man Menschen weismacht, der freie Wille sei eine Illusion, hat das Folgen für ihr Denken und Handeln. In einer Studie suggerierte man einer Gruppe von Studierenden, es gäbe keinen freien Willen. Man erreichte dies dadurch, dass man den Versuchsteilnehmern einen Textausschnitt aus einem Werk von Francis Crick zu lesen gab. Der Molekularbiologe, der für die Entdeckung der Struktur der DNS den Nobelpreis erhielt, gilt als typischer Vertreter einer deterministischen Weltsicht. Eine andere Gruppe bekam einen Text aus einem Buch vorgelegt, das die Willensfreiheit des Menschen thematisierte. Im Anschluss bekamen beide Gruppen eine Aufgabe gestellt, bei der man schummeln konnte. Ergebnis: Studierende, die sich Crick‘s Text zu Gemüte führten, neigten überzufällig häufig dazu, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen und in dem Test zu ihren Gunsten zu täuschen.
Die Psychologen Kathleen Vohs und Jonathan Schooler, welche die Studie durchführten, sind aufgrund einer Vielzahl weiterer Untersuchungen zu dem Thema zu der Überzeugung gelangt, dass der mangelnde Glaube an den freien Willen Menschen dahingehend beeinflusst, sich weniger anzustrengen und sich unmoralischer zu verhalten. Der Glaube an den freien Willen sei entscheidend für die Motivation zur Kontrolle aggressiver und selbstsüchtiger Impulse.
Wenn man Menschen für die Selbst-Erziehung gewinnt, ändert sich nachweislich deren Erleben und Verhalten. Baumeister führte ein Experiment mit Studierenden durch. Dazu teilte er nach dem Zufallsprinzip Studierende einer Experimental- bzw. Kontroll-Gruppe zu. Die erste Gruppe sollte für zwei Wochen ihre coole, lässige Körperhaltung ablegen und – so oft es ging – eine würdevolle Haltung einnehmen. Anschließend testete er beide Gruppen mit einer Leistungsaufgabe. Ergebnis: die „aufrechte“ Gruppe zeigte nicht nur bessere kognitive Leistungen. Die jungen Leute erlebten sich auch selbstwirksamer in Bezug auf Anforderungen des alltäglichen Lebens. Wer an den freien Willen glaubt und danach lebt, hat es offenbar besser.

Klaus Glas

Klinischer Psychologe in eigener Praxis, www.hoffnungsvoll-leben.de mit psychologisch-pädagogischen Lebenshilfen.

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Foto: © Sagittaria · stock.adobe.com

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