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Der Mythos der vorindustriellen Großfamilie

Der Mythos der vorindustriellen Großfamilie

von Arno Hernadi

In der innerkirchlichen, aber ebenso in der gesellschaftspolitischen Diskussion um Ehe und Familie wird gerne das Bild der Großfamilie im Kontrast zur heutigen Kleinfamilie hergeholt. In Tageszeitungen genauso wie in literarischen Werken ist die Vorstellung bis heute zu finden, dass frühere Generationen als Einheit von Großeltern, Eltern und Kindern und auch weiteren Verwandten in einem Haus und Haushalt zusammen gelebt hätten. Dieses Bild von einem mehrere Generationen umfassenden Sozialverband, der sich gegenseitig stützt, ist selbst in neueren wissenschaftlichen Ausführungen zu finden.

Tatsächlich war selbst in der Soziologie lange die Vorstellung leitend, dass drei oder mehr Generationen in einem Haushalt zusammen gelebt haben. Auch die Familienforschung sah lange Zeit die Mehrgenerationenfamilie als die Lebensform an, welche in der Geschichte bis ins vergangene Jahrhundert dominierte. Und nicht selten werden die heute bestehenden, eher seltenen Großfamilien als ein Überbleibsel der alten „besseren“ Zeit bewertet.

Allerdings ist mittlerweile klar, dass die Realität der Großfamilie längst nicht so war, wie man es erwartet hätte. Deshalb wird in der Familienwissenschaft auch vom „Mythos der vorindustriellen Großfamilie“ gesprochen. Tatsächlich waren Großfamilien ein eher kurzzeitiges Phänomen des
19. Jahrhunderts.

Zugegebenermaßen gilt die Aussage, dass die Kleinfamilie die längste Zeit der Normalfall war, nur für Mittel- und Westeuropa. Im Unterschied dazu entwickelten sich die Familienverhältnisse im weiteren süd- und osteuropäischen Bereich seit dem 8. Jahrhundert anders, und auf den außereuropäischen Kontinenten sind nochmals gänzlich andere Familienformen zu verzeichnen. 

Heirat nur mit Zustimmung des Grundherrn

Aus der Zeit um das Jahr 800 zeigen die schriftlichen Quellen, dass die Kleinfamilie der damalige dominierende Familientyp war. Auch archäologische Befunde beweisen, dass es in den mittelalterlichen Haushalten kaum Raum für eine Großfamilie gegeben hätte. Überraschenderweise gibt es für das ganze Mittelalter überhaupt keinen Befund, der auf die Existenz von Großfamilien schließen lässt. In dieser Zeit lebten also vorrangig Eltern mit Kindern zusammen, gelegentlich schließen sich diesen Gesinde und verwandte Personen an. 

Überhaupt lag es im Interesse der damaligen Grundherren, dass es nur kleine Wirtschaftseinheiten gab. Nicht selten gab es die Vorschrift, dass Kinder erst mit dem Tod ihrer Eltern heiraten durften. Damit war de facto die Bildung von Mehrgenerationenfamilien nicht möglich. Und tatsächlich ist aus dem 11. Jahrhundert für das Gebiet um das Kloster Cluny ziemlich sicher bekannt, dass kein einziges Mal gegen diese Regel verstoßen wurde.

Auch der Anstieg des Bevölkerungswachstums im späteren 12. Jahrhundert führte nicht zu größeren Familieneinheiten. Allerdings führt Mehrfachheiratungen aufgrund der hohen Müttersterblichkeit mit den dazugehörigen Stiefeltern und Stiefgeschwistern schon damals zu patchworkähnlichen Familien. 

Hohes Heiratsalter in der Neuzeit

In der Neuzeit veränderten sich die Faktoren, die im Mittelalter zur Stabilisierung der Kernfamilie – wie die Kleinfamilie in der Soziologie genannt wird – beigetragen hatten. Neue Formen von Arbeitsverhältnissen lösten die persönlichen mittelalterlichen Bindungen an den Feudalherrn mit den dazugehörten Dienstpflichten und Vorschriften ab. 

Trotzdem blieb auf dem Land das Heiratsalter hoch, denn es gab lange Wartezeiten, bis die Kinder den Hof ihrer Eltern übernehmen konnten, und erst mit der Übernahme des Hofes war die wirtschaftliche Grundlage für ein eigenes Familienleben und die Voraussetzung für eine Heirat der Söhne gegeben. Gingen nach der Hofübergabe die Eltern nicht in ein separates Altenteil, war die Zeit eines Drei-Generationen-Haushalts in der Regel nur von kurzer Dauer, da die Hofübergabe meist erst in einem relativ hohen Alter geschah und die durchschnittliche Lebensdauer im Gegenzug relativ niedrig lag. 

Aber auch wenn die Söhne mit ihren Vätern gemeinsam gleichberechtig einen Hof bewirtschafteten, lebten sie selten in gemeinsamen, sondern eher in getrennten Haushalten beieinander, wie grundherrschaftliche Pachtverträge zeigen. 

Ausnahmen bestätigen allerdings auch hier die Regel, denn in der vorindustriellen Zeit gab es zumindest in den Gebieten, wo die bäuerlichen Höfe nur einem Nachfolger vollständig übertragen wurden und sich deshalb wohlhabende Bauernfamilien herausbildeten, durchaus nicht selten die Form der Mehrgenerationenfamilie.

Die „Verwandtschaftsfamilie“während der Industrialisierung

Mit der Industrialisierung seit den 1830er Jahren veränderten sich die Faktoren der Familienbildung signifikant. Die zur Industrialisierung zugehörige Verstädterung mit dem Bevölkerungswachstum, den einsetzenden besseren Lebensbedingungen und die Modernisierung der Landwirtschaft ließen erstmals in größerer Zahl Familienverbände entstehen.

Lange Zeit dachte man, die proletarische Kleinfamilie sei das Paradebeispiel der modernen, aus verwandtschaftlichen Zusammenhängen herausgelösten, isolierten Familie. Doch mittlerweile hat sich gezeigt, dass sich gerade in der Industriearbeiterschaft Verwandtschaftsstrukturen als eine Strategie herausgebildet hatten, um sich den neuen Arbeitsbedingungen anzupassen. So war die Fabrikation als Ort der Erwerbstätigkeit losgelöst vom Haushalt. Das führte dazu, dass die Großeltern in die Kernfamilie mit hineingenommen wurden, damit die Betreuung der Kinder bzw. Enkelkinder gesichert war. 

Dadurch entstanden im Zuge der Industrialisierung neue verwandtschaftliche Verhältnisse, und insbesondere ab den 1850er Jahren verstärkte sich das Verwandtschaftsprinzip, weshalb Soziologen in diesem Zusammenhang von „Verwandtschaftsfamilien“ sprechen. In der Stadt, aber auch auf dem Land entstanden nun aufgrund der zunehmenden Verwandtschaftsvernetzung erstmals in größerer Anzahl Drei-Generationen-Haushalte. Jung verheiratete Paare verzichteten im Gegensatz zu früher öfter auf einen Wegzug, um eben die Hilfe der Ursprungsfamilie in Anspruch nehmen zu können. 

Aber die Industriearbeit und die zusammengehörige Wanderungsbewegung führten keineswegs zum Verfall der traditionellen Familienform der Kleinfamilie, sondern verwandtschaftliche Bindungen werden gerade aus der Zwei-Generationen-Familie heraus ausgebaut. Die traditionelle Familie bleibt weiterhin das erste Ordnungsprinzip des familiären Zusammenlebens.

Wenn es also in dieser Phase der frühen Neuzeit zeitweise zum vermehrten Zusammenleben von drei Generationen kam, hatte das keineswegs die Auflösung von Kernfamilienhaushalten zur Folge. Das zeigt sich empirisch auch dadurch, dass die Hofverhältnisse weiterhin auf zwei Generationen angelegt werden. 

Die „Großfamilien“ waren also tatsächlich ein eher relativ kurzzeitiges Phänomen des 19. Jahrhunderts, denn die Entwicklung verlief im aufkommenden 20. Jahrhundert bis zum heutigen Tag wieder in Richtung kleinere familiärere Einheiten. 

Die Inhalte orientieren sich an „Ursprünge und Kontinuität der Kernfamilie“ – Eine Einführung in die Familiensoziologie – von Dorett Funcke und Bruno Hildenrand von der Fern-Uni Hagen. 

Arno Hernadi

Dipl. Theologe, mit seiner Frau verantwortlich für die Schönstatt-Familienbewegung im Bistum Limburg, absolviert ein Aufbaustudium in Psychologie und Soziologie.

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Foto: © Monkey Business · stock.adobe.com

 

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