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Die Dynamik der Machtsucht

Die Dynamik der Machtsucht

Psychodynamische Anmerkungen eines Psychiaters

von Martin Flesch

Psychiater und Therapeuten werden häufig mit den Fragen zu den Ursachen von Macht, Machtstreben oder gar Machtsucht konfrontiert. Die Beschäftigung mit dieser Frage führt an einen gemeinsamen Ursprung zurück – den der Kränkung. Am Anfang steht fast ausnahmslos die Kränkung. Es existieren sozusagen kein Streit, kaum irgendein Konflikt und auch keine Krisen, die nicht auf konkret zu benennende Kränkungen zurückzuführen wären. Kränkungen verletzen uns Menschen zutiefst in unserem Selbstverständnis, lösen vielfältiges Leid aus, können den Menschen in Verbitterung und Unversöhnlichkeit zurücklassen und bestimmen nicht selten das Schicksal von Familien, Völkern und politischen Entwicklungen. 

Von der Kränkung zur zermürbenden Spirale

Der Schatten einer Kränkung legt sich auf die Leichtigkeit des Seinszustandes und führt zu schwermütigen Existenzformen, aber auch Wut und Hassgefühlen sowie auch Rachegedanken. Kränkungen verletzen den Menschen in seinem Innersten, im Kern seiner Persönlichkeit. Wir erleben sie als Generalangriff auf unser gesamtes Ich. Dann führen sie auch zur Erschütterungen, insbesondere unseres Selbst und seiner vielfältigen Werte. Und auf diese Weise entsteht ein immerwährender Kreislauf, ein Circulus vitiosus, aufrechterhalten durch eine zermürbende Spirale.

Somit stehen Kränkungen fast immer am Anfang von Demütigung und Rache, von Auseinandersetzungen und daraus folgender Feindschaft, schließlich auch von anhaltendem Leid und Krankheit. Bekanntlich ziehen sich kollektive Kränkungen durch die gesamte menschliche Geschichte, ihre jeweilige Destruktivität bestimmte durch mannigfaltige kriegerische Auseinandersetzungen das Schicksal von Völkern und Kulturen. Ihre Botschaft drückt sich auch zahlreich in künstlerischen Darstellungen aus, in Dramen, Romanen, Bildnissen und Kompositionen. Ohne diesen Kränkungsstoff wären auch die Meisterwerke der Weltliteratur nicht denkbar.

Das erste, am Anfang der Menschheitsgeschichte stehende Verbrechen im Alten Testament ist ein Brudermord, der Mord von Kain an Abel, das auf dem Boden einer tiefen Gekränktheit – Kränkung somit als Urmotiv des Urverbrechens.

Kränkungen sind bekanntlich in unser aller Leben universell existent und repräsentieren ein eklatantes zwischenmenschliches Problem. Sie lassen sich weder zielführend verdrängen, noch auf Dauer tabuisieren und verschonen kein menschliches Individuum. Auch der Tod des Menschen selbst wird von nicht wenigen als unfassbare Kränkung empfunden. Aber auch unser alltägliches Leben bleibt anhaltend durchdrungen von mangelnder Wertschätzung, von psychischen Verletzungen und vielfältigen Enttäuschungen. Wenn wir uns den eigentlichen Prozess der Kränkung näher vergegenwärtigen, so bleibt es unabdingbar zu betonen, dass Kränkung wesentlich mehr ist als eine negative Stimmung oder ein Gefühl, ein Affekt. Kränkung ist stets eine Interaktion zwischen einer kränkenden und einer gekränkten Person und dem jeweiligen Inhalt der Kränkung. Daher besitzt sie in unserer zwischenmenschlichen Kommunikation als einer der wichtigsten sozialen Mechanismen die Bedeutung einer sogenannten psychologischen Großmacht, weitaus stärker als Ärger und Unzufriedenheit, und stets nachhaltiger als Zorn und Wut, auch folgenschwerer als Frustration und Trauer.

Kränkungen quälen neurotisch veranlagte Menschen, sie hetzen Querulanten, sie motivieren Amokläufer und Terroristen und stabilisieren sogar Kriegstreiber und Diktatoren. Sie machen aber auch süchtig, nämlich nach Macht.

Was kränkt, macht krank, was kränkt, löst Krisen aus, Kränkungen führen zu Machtansprüchen, zu Kriminalität und Krieg. …

 

Martin Flesch

Dr. med., Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie, Forensische Psychiatrie, Ärztliches Qualitätsmanagement, Gutachterliche Praxis für straf-, zivil-, und sozialrechtliche sowie kanonische Fragestellungen.

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Foto: © JackF · stock.adobe.com

 

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