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Die Erfahrung von Weihnachten

Aus armen Hirten werden Apostel

von Matthias Leineweber

Weihnachten ist ein Fest der Peripherie. So wird es besonders in der lukanischen Fassung hervorgehoben. Die Ereignisse und Personen des Geschehens leben nicht an zentralen Orten der Weltereignisse, wie Kaiser Augustus in Rom oder König Herodes in Jerusalem. Falls sie aus höheren Schichten kommen wie die Sterndeuter, müssen sie einen Weg in die Peripherie zurücklegen. Maria und Josef lebten in einem derart einfachen und kleinen Dorf, dass man sich sprichwörtlich darüber lustig machte: „Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?“ (Joh 1,46). Die Geburt Jesu findet zudem nicht einmal in einer menschlichen Behausung statt. Schon darin wird Wirklichkeit, was Jesus später sagen wird: „Der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Lk 9,58). Es gibt sozusagen eine Strategie Gottes, denn sein Heilswirken beginnt an den Rändern des Lebens, in der geographischen und existentiellen Peripherie. 

Verkündigung an die Menschen der Peripherie

Dem entspricht die Verkündigung des Weihnachtsevangeliums. Denn es wird nicht auf den Hauptplätzen der zentralen Städte verkündet. Die Botschaft vom Kommen des Messias‘ und Retters und somit die zentrale Verkündigung vom Wendepunkt der Geschichte – nach dem die meisten Länder der Erde heute ihr Datum berechnen – geschieht auf einem Feld vor armen Hirten, die als verrufene Außenseiter galten und als unrein und unwürdig für den Gottesdienst angesehen wurden. Man hielt sie nicht für würdig, die Verkündigung der heiligen Schrift, der Torah, zu empfangen, dem zentralen Moment im religiösen Leben des Volkes Israel. Gott setzt sich darüber hinweg und wählt sie als erste Adressaten seiner Verkündigung aus. Darin kommt zum Ausdruck, dass jeder würdig und fähig ist, die Botschaft des Evangeliums zu empfangen. Schließlich werden aus diesen Menschen vom Rande Boten für das Weihnachtsevangelium, denn die Begegnung mit dem Kind hat sie verwandelt. Nun sind sie Apostel Jesu, des Retters. 

Der darin erkennbare Plan der Heilsgeschichte stellt normale Vorstellungen gleichsam auf den Kopf. Gerade die Nicht-Experten, die Ungeeigneten und sogar Unreinen sind anscheinend Gottes bevorzugte Adressaten und Mitarbeiter. Schon in diesem Aspekt des Weihnachtsevangeliums wird das spätere Wirken Jesu erkennbar, wenn er in seiner ersten Predigt bekennt, den Armen das Evangelium zu bringen, wie es konsequenterweise ebenfalls Lukas, der Verfasser dieses Weihnachtsevangeliums, überliefert. Auch in der ersten Jüngergemeinschaft Jesu spiegelt sich diese Strategie wider, denn sie besteht vorwiegend aus „Ungeeigneten“ und Außenseitern wie Fischern, Zöllnern, Zeloten und Frauen. Das ist die göttliche Strategie der Schwäche und Armut. Das in der Welt gering Geachtete erfährt bei Gott eine besondere Wertschätzung, wie es Paulus im Brief an die Korinther formuliert (1 Kor 1,27).

Das Evangelium am Rande der Stadt

In diesem Sinn hat die Gemeinschaft Sant’Egidio seit ihrer Entstehung im Jahr 1968 das Evangelium mit Menschen der Peripherie gelesen und in den Randbereichen des Lebens weitergeben. Der damals 18-jährige Schüler Andrea Riccardi ging als Gründer von Sant’Egidio mit seinen Mitschülern in die Randviertel Roms, z.B. in Barackenviertel am Tiberufer, um Menschen zu erreichen, die fern von der Kirche lebten. Waren es damals italienische Familien aus dem Süden, die in der Hauptstadt Arbeit und Zukunft suchten und dabei den Kontakt zur Kirche verloren hatten, so sind es heute die großen Peripherien der Megastädte der Welt geworden: von Buenos Aires bis New York, von Jakarta bis Lahore, von Kinshasa bis Berlin und Moskau. Papst Franziskus weist daneben auf die existentiellen Peripherien unserer Gesellschaft hin: alte Menschen, Einsame, Kranke, Zuwanderer, Obdachlose, Gefangene und andere Gruppen, die oft fern vom Evangelium leben und nicht immer von der Kirche erreicht werden. Das Weihnachtsevangelium ruft uns auf, Engel für sie zu sein, eine an die Ränder hinausgehende Kirche zu werden, um die Menschen zur Krippe und zur Begegnung mit Jesus, dem Retter, zu führen. Es ist möglich, dass sie heute – wie die Hirten damals – durch die Begegnung mit dem Kind in der Krippe zu Boten und Aposteln für das Evangelium werden. Denn Jesus schenkt jedem Menschen, der zu ihm kommt, die Würde der Jüngerschaft und der Gotteskindschaft. …

Matthias Leineweber

Dr. theol., Pfarrer, Geistlicher Religionslehrer und Sprecher der Gemeinschaft Sant’Egidio in Deutschland.

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Foto: © fizkes – stock.adobe.com

 

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