Die Gier nach dem Kick
Wenn das Verlangen den Willen besiegt
von Klaus Glas
Mitte der 1980er Jahre. Während einer Konzert-Tournee erlebt ein britischer Rock-Musiker immer wieder das Gleiche. Nach einem umjubelten Auftritt sitzt er abends allein in einem Hotelzimmer. Auf dem Beistelltisch steht eine Flasche Wodka, daneben liegt ein Tütchen mit Kokain. Dem niedergeschlagenen Mann gehen Gedanken an Suizid durch den Kopf. Der einzige Grund, warum er sich nicht umbringt, ist die vom süchtigen Verlangen verstellte Vorstellung, ein Toter könne bedauerlicherweise keinen Alkohol mehr trinken.
An einem Abend ist der suchtkranke Gitarrist so verzweifelt, dass er seinen Stolz zur Seite schiebt und auf die Knie sinkt. Er erinnert sich an Menschen, die sich in ihrer Not an Gott gewandt hatten. Intuitiv beginnt er zu beten. Wie von selber richten sich seine Worte an Maria. Er fleht sie an: „Heilige Mutter, wo bist Du? Ich fühl‘ mich heute Nacht in zwei Teile zerrissen. Ich hab‘ Sterne vom Himmel fallen sehen. Ich kann die Tränen nicht unterdrücken. Dieses Mal brauch‘ ich Deine Hilfe. Bleib‘ bei mir in dieser einsamen Nacht. Bitte, sag‘ mir: Wohin soll ich mich wenden?“
In tiefster emotionaler Nacht schreibt Eric Clapton das Lied „Holy Mother“ (Heilige Mutter). Jahre später wird er sagen, dieser Song sei ein „aufrichtiger Ruf aus der Tiefe meines Herzens“ gewesen. (Eine berührende Live-Version des Liedes können Sie hören auf YouTube, Stichworte: „Holy Mother, Clapton, Pavarotti“.)
Die süchtige Gesellschaft
Sucht ist weit verbreitet. So sind in Deutschland etwa 3,3 Millionen Männer und 1,4 Millionen Frauen von einer klassischen Suchterkrankung betroffen. Die am meisten verbreitete Droge ist Alkohol, gefolgt von Medikamenten und Cannabis. Abhängigkeit von Alkohol ist mit weitreichenden Folgeschäden verbunden: Es besteht die Gefahr, Gehirnschäden und Gastritis zu bekommen. Es kann sich eine Depression entwickeln und die Betroffenen können suizidal werden. Zudem vernachlässigen Alkoholiker ihre Partner und Kinder. Manche verlieren wegen häufigen Fehlzeiten oder Verstößen gegen die betriebliche Ordnung ihren Arbeitsplatz.
Während eines Praxissymposiums zum Thema „Psychotherapie im gesellschaftlichen Wandel“ saß ich mit drei Kolleginnen beim Mittagstisch. Eine alte Bekannte fragte: „Welchen Workshop besucht ihr jetzt?“ Etwas peinlich berührt sagte eine Kollegin. „Den, wo es um sexuelle Sucht geht. Zu mir kommen vermehrt Männer in die Praxis, die unter Porno-Sucht leiden. Was macht Ihr?“ „Da gehe ich auch hin“, sagte eine nach der anderen. Auch ich hatte vor, den Workshop von Professor Stark zu besuchen. Kollektives Schmunzeln und erleichtertes Aufatmen. Zusammen gingen wir zum Seminarraum, in dem kaum noch freie Plätze zu finden waren. …
… Einzelausgabe kaufen für 3,80 € (Post) oder im Shop als PDF oder abonnieren (Formular)
Beitragsfoto: © Kevin Carden · stock.adobe.com

