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Die Welt anders sehen

Redaktionsmitglied Hans-Martin Samietz im Gespräch mit Pius

Was wir als Kind an Edlem und Gutem vorübergehend geschenkt bekommen haben, ist im Erwachsenenalter zwar unter Mühen, dafür aber dauerhaft zu erwerben. Diesen Satz schreibt Josef Kentenich über einer seine Exerzitien im Herbst 1937. Dem Kind ist etwas geschenkt, was für das ganze menschliche Leben große Bedeutung hat. Es ist sein natürlicher Zugang zur göttlichen Welt. Entsprechend trägt dieser Exerzitienkurs auch den Titel „Kindsein vor Gott“. Wenn sich eine Gesellschaft entscheidet, der kindlichen Einfältigkeit keinen Raum mehr geben zu wollen, dann läuft sie Gefahr, ihren Gottesbezug zu verlieren. Sie hat sich ihn dann nach dem Verlust mühevoll wieder zu erwerben.

Die Weihnachtszeit kennt das Fest der unschuldigen Kinder. Man könnte sagen, mit diesem Fest meditiert die Kirche diese Disposition im Menschen, auf natürliche Weise einen Zugang zum Herzen Gottes zu haben.

Ich treffe mich mit Familie Kaiser, um für die Weihnachtsbasis Interviews zu führen. In der Familie Kaiser wachsen fünf glückliche Kinder auf: Cornelius, Janka, Pius, Finja, Johann. Der Mittlere, Pius, hätte ohne hohen medizinischen Aufwand nach seiner Geburt nicht sehr lange zu leben gehabt. Sein Herzmuskel war völlig unzureichend ausgebildet. Der Hausarzt der Familie Kaiser entdeckte leichte Abweichungen bei einem ersten EKG während einer Voruntersuchung. Bei weiteren Untersuchungen bestätigte sich, dass das Herz von Pius bisher nur schwach ausgebildet war. Der Arzt machte der Familie aber vor der Geburt noch etwas Hoffnung. Das Herz würde sich erst endgültig ausformen beim ersten Atemzug eines Neugeborenen. Pius kam zur Welt, sein Herz blieb klein, zu klein. Zwar atmete er, doch wollten seine Augen sich nicht öffnen. Zu zaghaft war das Leben in ihm.

Nach sechs Wochen ergab sich für Pius plötzlich die Möglichkeit einer Herztransplantation. Ein großes Wagnis mit vielen Sorgen und höchsten Anstrengungen für Familie und Ärzte begann. Pius überlebte. Im vergangenen Jahr feierte Pius seinen 18. Geburtstag. Pius lernte nie das Laufen. Alle Energie verwendete sein Körper in den ersten Monaten auf die Annahme des fremden Herzens. Da musste sich die motorischen Fähigkeiten sein Gehapparates hintenanstellen.

Pius, wie hast du denn deinen 18. Geburtstag gefeiert?

Groß!

Wie viele deiner Freunde waren denn da?

Die ganze Klasse. Ich habe jetzt eine neue Klasse. Früher waren wir sechs. Wir haben Musik gehört, ein bisschen Rugby gespielt und waren draußen Bogenschießen.

Zur Klasse von Pius gehören sechs weitere junge Menschen. Außer Pius sind alle mit der Vollendung ihres 18. Lebensjahres von der Schule gegangen. Für Pius gibt es ein Jahr oben drauf. Er erzählt gern von seinen ehemaligen Klassenkameraden. Da ist Manuel, der wunderbar Gitarre spielen kann. Da ist David, da ist Fabian. Fabian braucht einen Talker, einen Apparat, der sein Sprechen verständlich macht. Er kann mit seinem Mund keine Laute formen. Dafür benutzt er einen Computer und kann so den andern mitteilen, was er sich gerade ausgedacht hat. Tom, der Bayernfan, das ist sein großer Freund. Desiree, die kommt aus Afrika. Und auch Nina, die Schwarzhaarige, gehört zu seiner Klasse. Sie alle waren sechs Jahre Schülerinnen und Schüler der Rohräckerschule. Es war das erste Mal, dass seine Klassenkameraden überhaupt bei jemandem eingeladen waren.

Das Haus der Kaisers ist groß. Im Untergeschoss gehören die weit auslandenden Holzrampen wie besondere Möbelstücke zu jedem Raum. Pius ist mit seinem Rollstuhl ein Meister der Kurven und Absätze. Auch am Tischkicker in der Eingangshalle bewegt er sich meisterhaft. 

Herr Kaiser ist Geschäftsführer eines kleinen mittelständischen Unternehmens. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernahm er mit einem Bruder dessen Firma. Er hatte zwar Forstingenieur studiert und betreute bereits einen Wald bei Tübingen. Doch der Tod seines Vaters machte ihn plötzlich zum Geschäftsführer einer Firma für Kältetechnik. Knapp über zwanzig Angestellte hat die Firma jetzt. Dort werden unter anderem Kühlschränke für Labors so umgerüstet, dass sie bis auf 80 Grad minus herunterkühlen können. Das Firmengelände ist nicht weit vom Haus der Kaisers. Für das Mittagsessen kann Joachim Kaiser nach Hause kommen, zu Judith, seiner Frau, und zu Pius, der nicht jeden Tag bis Nachmittag in der Schule ist.

 

Hans-Martin Samietz

Redaktionsmitglied der basis

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Foto: © Quelle privat

 

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