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Du bist einzigartig!

Du bist einzigartig!

Was die Kriminalgeschichte über Originalität lehrt

von Elmar Busse

Unter der Wucht des Offensichtlichen gesteht die Argentinierin Francisca Rojas am 8. Juli 1892 den Doppelmord an ihren Kindern. Sie war verzweifelt, wusste nicht mehr ein noch aus, wollte eher mit den Kindern sterben als von ihnen getrennt sein. Dass sie überlebt, war nicht geplant. Das war das erste Mal in der Kriminalgeschichte, dass eine Mörderin aufgrund des Fingerabdruckes überführt worden war. Anfangs wollte sie die Tat einem zudringlichen Nachbarn in die Schuhe schieben, aber der hatte ein wasserdichtes Alibi.

„Fingerabdrücke als Mittel der Kriminalistik wurden Ende des 19. Jahrhunderts ein hochaktuelles Thema. Die Abdrücke wurden etwa ab dem Jahr 1850 in den Kolonien benutzt, um Personen für Zahlungen zu identifizieren. Kurze Zeit später wurde ein brauchbares System entwickelt, um die Linien zu katalogisieren. Nur mit einem systematischen Verfahren konnte man einzelne Abdrücke mit dem Bestand einer Kartei abgleichen. 1897 überführte Scotland Yard den ersten Verbrecher anhand seiner Fingerabdrücke. Großbritannien war führend in dieser Technik. Aus der ganzen Welt reisten Polizisten dorthin, um sich von Scotland Yard ausbilden zu lassen.“
(https://www.stern.de/panorama/verbrechen/der-erste-moerder–den-fingerabdruecke-an-den-galgen-brachten-8482386.html)

Iris und Gene als eindeutige Erkennungszeichen

Ein neueres Verfahren, die Originalität und Identität von Personen festzustellen, zum Beispiel wenn es um die Zugangsberechtigung zu sicherheitsrelevanten Räumen geht, ist der Iris-Scan. Beim Iris-Scan geht es um das systematische, kontaktlose „Abtasten“ der Iris (Regenbogenhaut). Die Regenbogenhaut eines Menschen ist einmalig und kann dementsprechend ähnlich wie ein Fingerabdruck zur Authentifizierung verwendet werden. Ein Iris-Scanner erkennt das individuelle Muster des jeweiligen Menschen und wandelt es algorithmisch um. Anschließend kann das Profil in einer Datenbank gespeichert oder mit zuvor abgespeicherten Daten abgeglichen werden.

Moderne Erkennungsverfahren gleichen mehr als 260 individuelle optische Merkmale der Regenbogenhaut ab. Jene Merkmale entwickeln sich zufallsgesteuert und nichtbeeinflussbar in den ersten Lebensmonaten eines Menschen und bleiben ein Leben lang nahezu unverändert.

Das modernste Verfahren ist die DNA-Analyse. Alec John Jeffreys war 1984 durch Zufall auf das Verfahren gestoßen. In der Bundesrepublik wurde es erstmals 1988 als Beweis in einem Strafprozess vor Gericht anerkannt.

Bei vielen Straftaten findet sich am Tatort molekulargenetisch auswertbares Spurenmaterial wie Blut, Speichel, Sperma, aber auch Haare oder Hautpartikel von tatbeteiligten Personen wie Opfern oder Tätern. Geringste Mengen dieses biologischen Spurenmaterials können mit Hilfe von DNA-Analysen einer Person zugeordnet werden.

Im Jahr 2021 konnten bei den nationalen Recherchen über 19.000 Spuren einem Spurenverursacher zugeordnet und mehr als 5.600 Tatzusammenhänge (Spur-Spur-Treffer) etabliert werden.

Original oder schlechte Kopie?

Alle drei Verfahren, also Fingerabdruck, Iris-Scan und DNA-Analyse, machen eines deutlich: Der Schöpfergott wollte Originale; und die ganze Biologie ist so angelegt, dass es diese Originale geben kann. 

Von Martin Buber ist uns die Geschichte von Rabbi Sussja überliefert, dem großen chassidischen Meister, der weinend auf dem Totenbett lag. Seine Schüler fragten: „Rabbi, warum bist du so traurig?“ Und Sussja sagte: „Ich habe mich mein ganzes Leben lang immer mit anderen verglichen. Aber in der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mosche gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht einmal Sussja gewesen?“

Wenn Gott einen Menschen erschafft, dann entwickelt er neben seiner Originalität auch einen ganz subjektiven Maßstab, an dem am Ende seines Lebens dieser Mensch gemessen wird. Ein Indiz für die Gültigkeit solcher individueller Maßstäbe ist die Bemerkung Jesu über eine arme Witwe, die ein paar Kupfermünzen in den Opferstock des Tempels wirft. Jesus macht seine Jünger aufmerksam auf diese Frau und urteilt: „Diese Frau hat mehr gegeben als alle anderen, die nur etwas von ihrem Reichtum gegeben haben. Denn diese Frau hat alles gegeben.“ (vgl. Mk 12,42f) Wenn wir also Gewissenerforschung halten, dann kommt es darauf an, dass wir diesen uns zugedachten Maßstab als solchen erkannt haben und unser Verhalten daran messen. Pater Josef Kentenich hat es einmal so auf den Punkt gebracht: „Sei du selbst! Sei es in bestmöglicher Form!“

Der Hofkaplan des englischen Königs Georgs II., Edward Young (1683-1765), schrieb „We are all born originals – why is it so many of us die copies“. Also: „Wir alle sind als Originale geboren – warum geschieht es, dass so viele als Kopien sterben?“ Eine andere Modifikation dieses Zitates übersetzt es so: „Da wir nun als Originale geboren werden, wie kommt es doch, dass wir als Kopien sterben?“

Der gottgewollte Grundzug

Genau um die Beantwortung dieser Frage ging es Pater Kentenich, als er die Lehre vom  ‚Persönlichen Ideal‘ entwickelte. Mit seiner Lehre wollte er auf die drei Grundbedürfnisse im Menschen reagieren: Die Sehnsucht nach Geschlossenheit und Harmonie der eigenen Persönlichkeit, nach gesunder organischer Entwicklung derselben und nach Wahrung der gesunden eigenen Individualität gegenüber Zersetzungs- und Zerstörungstendenzen im sozialen Umfeld. (E. Frömbgen)

Kentenich entwickelte die theologische Definition des Persönlichen Ideals: „Das PI ist der gottgewollte Grundzug oder die gottgewollte Grundstimmung der begnadeten Seele, die getreulich festgehalten, in organischer, gnadenvoller Entwicklung sich ausreift zur vollen Freiheit der Kinder Gottes.“ (1928) Zog er in den 1920er Jahren Parallelen zu den Persönlichkeitstheorien von E. Spranger und P. Wust, so wies er in späteren Jahren hin auf Gustave Le Bon, „Psychologie der Masse“ oder Ortega y Gasset, „Der Aufstand der Masse“ oder Hendrik de Man, „Vermassung und Kulturverfall“. 

In bestmöglicher Form man selbst sein

Leidvoll und buchstäblich hautnah erlebte er im KZ die Methoden der SS, den Häftlingen ihre Würde zu nehmen und ihre Persönlichkeit zu zerbrechen. Gerade in der Hölle von Dachau erlebte er aber auch, wie die Pflege des Persönlichen Ideals ihn und andere Häftlinge immunisierte gegenüber solchen Methoden. 

1961 schrieb er: „Dem Verstand hat man die Wahrheit, dem Willen das Gute, dem Herzen die Persönlichkeiten genommen, die es lieben kann. So kommt es, dass es der Seele an wurzelfestigkeit fehlt, an Leben, an Fülle, an Tiefe, an Innigkeit und Reichtum. Sie ist jedem äußeren Einfluss hemmungslos ausgeliefert, mag es sich dabei handeln um Druck seitens eines Diktators, um Suggestion der Masse oder Reiz der Sinne und Triebe.“ – Auch wenn diese Diagnose sehr pessimistisch klingt, so kann man aus ihm keinen Kulturpessimisten machen. 

In seiner Nähe sind Menschen aufgeblüht und über sich hinausgewachsen. Ähnliches bestätigen auch heute Menschen, die sich auf die Schönstatt-Spiritualität einlassen und Kentenich nicht mehr persönlich kennenlernen konnten. Kentenich hat die „Selbstverwirklichung“ getauft, so dass sie nicht als Freibrief für ungezügelten Egoismus hergenommen werden kann. Sei du selbst! Sei es in bestmöglicher Form!

Elmar Busse

Schönstatt-Pater / seit 2015 Hausgeistlicher bei den Armen Dienstmägden Jesu Christi (ADJC) in Dernbach, von 1992 bis 2015 Ehe- und Familienseelsorger.

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Beitragsfoto: © vefimov · stock.adobe.com

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