Einblicke in Beziehungsrealitäten
Wie Paare von heute das Miteinander leben
von Klaus Glas
Gelegentlich begegne ich Leuten, die behaupten, die Kirche würde die Gläubigen für dumm verkaufen. Manche meinen, mir mit Marx sagen zu müssen, Religion sei „Opium fürs Volk“. Mit dieser verkürzt wiedergegebenen Aussage des einflussreichen Denkers wird implizit eine Bewertung vorgenommen: Man unterstellt Kirchenoberen böse Absichten. Dagegen beschreibt Karl Marx zunächst einmal ein kollektives Phänomen, das er beobachtet hatte: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“
In analoger Weise will ich eher beschreiben als bewerten. Ich erzähle von Beziehungsformen und damit Problemen, die sich im Miteinander dieser Paare ergeben. Um die Identität der Gesprächspartner zu schützen, verwende ich Pseudonyme. Biografische Daten und Lebensumstände wurden geändert.
Ehe
Tanja ist Ende 30, ihr Mann Thorsten ist zehn Jahre älter. Mit den drei Kindern wohnen sie in einem Eigenheim. Bis zur Geburt des jüngsten Kindes führte man ein aktives Familienleben: Man war an den Wochenenden viel unterwegs, besuchte Freunde und Verwandte und engagierte sich in der Kirchengemeinde. Seit der Jüngste auf der Welt ist, hat sich vieles geändert, weil bei ihm Autismus festgestellt wurde. Der Junge besteht auf beispielsweise auf feste Abläufe beim Anziehen. Der 5-Jährige schreit die Mutter an, beißt sie und tritt nach ihr, wenn er emotional überfordert ist. Im Kindergarten spielt er allein, meist mit der Murmelbahn. Die Ehe ist belastet, weil die Erziehungsarbeit an Tanja hängen bleibt. Ihr Mann findet, sie müsse dem Jungen mehr Grenzen setzen. Er verbringt seine Freizeit im Verein, weil es „zuhause nichts mehr zum Freuen gibt“.
In Deutschland ist etwa die Hälfte der Erwachsenen verheiratet. Von den rund 35 Millionen Eheleuten leben die meisten (mehr als 97 Prozent) als Mann und Frau zusammen. Der Rest der Verheirateten verteilt sich zu etwa gleichen Teilen auf gleichgeschlechtliche Paare (Frau/ Frau bzw. Mann/ Mann). Frauen haben etwas häufiger als Männer einen Kinderwunsch. Seit den 1950er-Jahren stellt die Familie mit zwei Kindern das Leitbild dar. Fragt man heutzutage Paare nach der gewünschten Kinderzahl gibt etwa die Hälfte an, zwei Kinder wären ideal. Ein Viertel hat oder möchte drei Kinder. Der Anteil jener Paare, die sich bewusst gegen eigene Kinder entscheiden, liegt bei etwa zehn Prozent. Mit 23 Prozent ist Kinderlosigkeit besonders verbreitet bei berufstätigen Frauen mit akademischer Ausbildung. …
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