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Eine Spiritualität für unsichere Zeiten

Eine Spiritualität für unsichere Zeiten

von Hans-Martin Samietz

„Der Mensch ist eine vielschichtige Einheit“, lesen wir bei Josef Kentenich (Pädagogische Tagung 1951). Bestehend aus übereinander liegenden Lagen, verwickelt um einen „Persönlichkeitskern“ (ebenda), so stellt sich Josef Kentenich das Innenleben des Menschen vor. Und diese Vorstellung faltet er während seines Vortrages bei oben erwähnter Tagung weiter aus. „Sie [verschiedene Schichten] haben die Tendenz, nach Möglichkeit sich zu verselbständigen.“ Jede Schicht würde, wenn ihre Dynamik nicht durch irgendetwas gebremst würde, sich auf Kosten anderer Schichten möglichst breit entfalten. Was diese hohe Eigendynamik der verschiedenen Seelenschichten ins Gleichgewicht bringt, ist laut Josef Kentenich eben diese „Persönlichkeit“, die als zentrierender Kern in der Mitte aller Dynamik in der Seele des Menschen lagert.

Julius Kuhl, ein Psychologe unserer Tage, spricht an dieser Stelle von einem Orchester, zu dem sich die verschiedenen Dynamiken in der Seele eines Menschen zusammenfinden, um im Normalfall zu harmonieren. Auch er spricht von der „Persönlichkeit“, die wie dieses Orchester agiere (Vortrag auf YouTube: „(In-)Kongruenz zwischen expliziten und impliziten Emotionen und Motiven“, Zürich 2015).

Wenn Persönlichkeit zu verschwinden droht

In Europa ist Krieg in diesen Tagen. Hunderttausende Menschen suchen Zuflucht bei uns, Hunderttausende mit verstörenden Eindrücken aus den Kriegsgebieten in ihrem seelischen Gepäck. In massiv lebensbedrohlichen Situationen, wie zum Beispiel unter dem Eindruck einschlagender Geschosse, wird eine tiefliegende Schicht des menschlichen Gehirns plötzlich aktiviert. Einmal aktiviert, überwältigt ihre Dynamik alle anderen mit der Aktivität mehr außenliegende Gehirnareale. Dann gibt es im Wesentlichen nur noch drei Verhaltensoptionen: Angriff, Flucht oder Totstellen. Das sind die zum Überleben wichtigen Grundfunktionen der Psyche bei Menschen und Tieren.

Sind also Krieg und andere schwerwiegende Gewalterfahrungen das Ende jeder breit ausgebildeten Persönlichkeit? Wohin soll dann das Schönstättische Flaggschiff „Persönlichkeitsbildung“ in Zeiten existentieller Verunsicherung steuern?

Persönlichkeitsbildung und Tiefenseele

Die gewachsene Persönlichkeit muss nicht verschwinden, wenn das Überlebenssystem der menschlichen Psyche aktiviert worden ist. Eine in einer besonderen Weise gebildete Persönlichkeit kann sogar einen Weg weisen durch den Hagel lebensbedrohlicher Ereignisse hin zu bleibender Sensibilität für sich und andere Menschen. Was es dazu braucht? Ein Konzept von Persönlichkeitsbildung, das bereits in ruhigen Zeiten Alltagserfahrungen mit den tiefen Seelenschichten im Menschen zu verbinden hilft.

Hans-Martin Samietz

Schönstatt-Pater. Mitglied der basis-Redaktion.

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Beitragsfoto: © kirasolly · stock.adocbe.com

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