Entscheidend ist, ob es dem Menschen dient

Entscheidend ist, ob es dem Menschen dient

Künstliche Intelligenz als Werkzeug in der Seelsorge

von Ulrich Emge

Es ist schon eine Weile her, da hielt einer der Ruhestandspriester in unserer Pfarrei eine Predigt und schloss mit den Worten: „Die Predigt heute stammt nicht von mir. Die hat mir die KI erstellt. Aber ist doch gar nicht so schlecht, oder?“ Ah, dachte ich mir, deswegen haben mich seine Worte heute nicht so berührt wie sonst. Gewöhnlich entfaltet er seine Gedanken nämlich frei und oft ganz zeitgemäß, sodass ich immer etwas für mich mitnehmen kann. Ich habe mich gefragt, was er uns als Zuhörern damit demonstrieren wollte? Wie weit KI heutzutage schon ist? Dass so eine „künstliche“ Predigt eben nicht so bewegen kann wie eine handwerklich selbst verfasste? 

Oder hatte er einfach nur seinen Bonus als Ruheständler genutzt und es einfach mal spielerisch selbst ausprobiert, was da herauskommt, wenn man eine KI für das Verfassen einer Predigt nutzt? Seit diesem Erlebnis war für mich klar, dass eine Nutzung künstlicher Intelligenz für meine Arbeit wohl auf längere Sicht hin erst mal nicht in Frage kommen würde.

Erste Versuche 

In Gesprächen im Freundes- und Bekanntenkreis war dann aber die Nutzung von KI für berufliche Zwecke schon öfters ein Thema. Vielleicht wurde eines dieser Gespräche für mich zum Auslöser, es auch einmal selbst zu versuchen, ob sich meine Arbeit mit KI nicht doch wesentlich erleichtern ließe. Denn tatsächlich sitzt man ja manchmal an der Vorbereitung einer Predigt und es will einfach kein guter Gedanke kommen. 

Die ersten Versuche waren mäßig zufriedenstellend. Ganz nach dem Motto „Erstelle mir eine Predigt zum Thema XY“ produzierte die KI mir zwar etwas, was wie eine Predigt klang und aussah, mir aber selbst nicht gefiel. Wirklich überrascht wurde ich, als ich der KI den Auftrag gab, mir eine Exegese zu einer bestimmten Bibelstelle zu verfassen. Was sie lieferte, hatte durchaus Hand und Fuß und ermutigte mich, einen Schritt weiter zu gehen.

Diesmal forderte ich die KI auf, eine Predigt zu schreiben über die drei Tageslesungen des Sonntags, die ich als Bibelstellen angab. Am meisten verblüffte mich, dass die KI dabei von sich aus sprachlich in der pastoralen Wir-Sprache formulierte. So klang das Ergebnis zwar schon ziemlich nach Predigt, allerdings noch nicht so, wie in der Predigtausbildung gelernt – in der persönlichen Ich-Form, ohne das vereinnahmende Wir.

Mein nächster Versuch ergänzte den Prompt, um die Formulierung: „Kannst Du mir den Text in einer zeitgemäßen, modernen Sprache erstellen, der die Zuhörer berührt?“ Die daraufhin ausgegebene sprachliche Fassung gefiel mir schon um einiges besser, enthielt aber auch holprige Passagen, in denen Begriffe durch Punkte abgetrennt, quasi stichpunktartig als Ein-Wort-Sätze aneinandergereiht wurden. 

Ich variierte weiter:  Der Befehl „Nutze eine symbolhafte Sprache!“ wurde sehr gut umgesetzt mit anschaulichen sprachlichen Bildern. Mit der Aufforderung „Formuliere aus den Bibelstellen praktische Handlungsimpulse für die Zuhörer!“ wurde die Predigt um einen Impuls für die kommende Woche angereichert. Gute Erfahrungen habe ich mit der Aufforderung gemacht, die Bibelstellen von der KI psychologisch auslegen oder sie spirituell vertiefen zu lassen. Darüber hinaus sind der eigenen Phantasie und den persönlichen Vorlieben für die Texterstellung keine Grenzen gesetzt. 

Ein Gottesdienst aus einem Guss

Es funktioniert auch prima, eine vorhandene Predigt komplett in das Promptfenster zu kopieren und die KI zu beauftragen, den Text sprachlich umzuformulieren – zum Beispiel eine Predigt, die in Erwachsenensprache verfasst ist, für einen Familiengottesdienst in eine einfacher zugängliche Sprache umformulieren zu lassen.

Eine kleine Sternstunde hatte ich persönlich, als die KI mich von sich aus fragte, ob sie mir passend zum Predigttext und den verarbeiteten Bibelstellen noch Fürbitten, eine Einleitung in den Gottesdienst, ein Kyrie oder ein passendes Tagesgebet formulieren solle. Und nachdem ich sie das alles machen ließ, kam noch die Frage, ob sie mir passende Lieder heraussuchen dürfe. Innerhalb kurzer Zeit kann so ein Gottesdienst – inhaltlich aus einem Guss – entstehen.

Die Sinnfrage, wozu ich eigentlich Theologie studiert habe, musste ich bisher aber noch nicht stellen. Ich lasse es mir nämlich nicht nehmen, die KI-erzeugten Ergebnisse selbst noch einmal inhaltlich und sprachlich so zu überarbeiten, dass es am Ende weitgehend meine Sprache ist und meine theologischen Schwerpunkte sind, die ich verwende und die ich weitergeben möchte. Ungeprüft, so wie es aus der Maschine kommt, würde ich ein KI-Erzeugnis niemals nutzen – dazu bin ich ehrlich gesagt zu stolz.

Für Nutzer von Gottesdienstvorlagen bietet sich die Möglichkeit, einzelne Gottesdienstelemente „durch die KI zu jagen“ mit Filtern ganz nach Belieben, und diese so sprachlich an eigene Vorstellungen besser anzupassen. Wenn beispielsweise ein Tagesgebet mal wieder zum Großteil aus theologischen Phrasen besteht, so dass es mich gar nicht erreicht, fordere ich die KI auf, es in eine moderne, zeitgemäße Sprache umzuformulieren, die meine Gottesdienstteilnehmer verstehen.

Texte und Gebete in zeitgemäßer Sprache

Sie suchen neue Texte für eine Andacht oder eine Bittprozession? Mithilfe der KI ist es in fünf Minuten möglich, mir eine komplette Prozession mit vier Stationen, Einleitung, Liedern, Wechselgebeten, Bibelstellen, Litaneien, Meditationen etc. zu einem Thema nach Wahl erstellen zu lassen. Das finde ich gerade deswegen richtig klasse, weil für mich persönlich oft die Sprache der liturgischen Texte die Lebensrealität der Mitfeiernden nicht abbildet, zu theologisch, zu phrasenhaft oder zu gestelzt klingt. Mithilfe der KI bekomme ich sie in kürzester Zeit umformuliert für Menschen von heute. 

Testweise habe ich sogar schon einmal meine komplette Mitschrift aus einem Trauergespräch ins Eingabefenster der KI geschrieben und die KI aufgefordert, mir zu dieser Biografie passende Bibelstellen vorzuschlagen bzw. mir daraus eine Traueransprache zu verfassen. Auch das hat funktioniert, wobei ich zugeben muss, dass das Ergebnis stilistisch nicht so gut zu mir gepasst hat und ich dann doch wieder selbst formuliert habe. 

Apropos nicht gepasst: Mehrfach machte ich die Erfahrung, dass eine KI alleine nicht glücklich macht. Es lohnt sich, den gleichen Prompt in mehreren KIs auszuprobieren und dann mit dem Ergebnis weiterzuarbeiten, dass mir am meisten taugt. Und es lohnt sich, an der Aufforderung, mit der ich die KI zur Arbeit beauftrage, immer weiter zu feilen. Ich spiele gerne damit, sie etwas nochmal anders, mit diesen oder jenen Parametern umformulieren zu lassen – bis das Ergebnis so ist, dass ich es so hätte sagen können. 

Unheimlich viel Zeit lässt sich sparen mit der Text-to-Image Funktionalität. Ich brauche zum Beispiel einen Gutschein für einen Geburtstag. Also schildere ich der KI, wofür genau der Gutschein sein soll (Ort, Uhrzeit, Datum, für wen und was genau…) und wie ich ihn gestalterisch umgesetzt haben möchte (z.B. fotorealistisch mit dem oder jenem im Hintergrund). Wo ich früher ewig mit Bildbearbeitungsprogrammen herumexperimentiert habe, Schriften und Bilder heraussuchen musste, erledigt mir das jetzt die KI in wenigen Minuten.

Aus meinem christlichen Verständnis heraus gehört Technik eben auch zur Schöpfung und ist an sich weder gut noch schlecht. Entscheidend ist, wie ich sie verwende und ob sie letztlich dem Menschen dient. Diese Frage ähnelt der Bewertung vieler anderer Technologien – vom Auto über das Smartphone bis zum Streamingdienst. Im Blick auf KI würde ich sagen, es scheint mir nicht nur sinnvoll, sondern geradezu wichtig, KI auch und gerade im Bereich der Kirche, der Seelsorge und der Theologie intensiv zu nutzen. Denn mit jeder Nutzung wird die KI inhaltlich reicher und kann künftig mit ihren Algorithmen präziser auf ein dem Menschen dienliches Vokabular zurückgreifen.

 

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Ulrich Emge

Mitglied der basis-Redaktion, Jahrgang 1974, Pastoralreferent im pastoralen Großraum Mellrichstadt, Fladungen-Nordheim/Rhön und Bastheim sowie Ehe-, Familien- und Lebensberater. Lebt seit 2015 im thüringischen Meiningen. Verheiratet und stolzer Vater von drei selbstbewussten Töchtern.

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Beitragsfoto: © mit Gemini erstellt

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