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Erleben, Ehrfurcht, Emotionen 

Eine Eule schaut hinter einem Baum hervor mit Ihren schönen, gelben Augen.

Über die Erfahrung staunender Ergriffenheit  

von Klaus Glas

Juli 1976. Ich besuche eine Cousine vor Ort, weil diese einen Plattenspieler und schwarze Scheiben voller Pop-Musik besitzt. Bei uns zuhause gibt es nur ein Radio. Aus diesem tönen deutsche Schlager: „Ich möcht‘ der Knopf an Deiner Bluse sein, dann könnt ich nah, nah, nah, nah, nah bei deinem Herzen sein“, singt Bata Illic. Aber jetzt liegen da auf dem Fußboden zwei Plattencover, die meine Aufmerksamkeit erregen. Die Vorderseite des Roten Albums ziert ein großformatiges Foto. Vier junge Männer mit Kurzhaarschnitt und braunen Anzügen strahlen mich vom Treppenhaus einer Plattenfirma aus an. Daneben das Blaue Album: die gleichen Herren in ähnlicher Pose, jetzt erkennbar einige Jahre älter und mit langen Mähnen. Das eine Cover präsentiert die braven Pilzköpfe, das andere lichtet die frechen Hippies der Band ab: „The Beatles“. 

Ich lege eine Scheibe auf den Plattenteller. Nach den ersten Takten ist es um mich geschehen: „Stark! Solche Musik habe ich noch nie gehört.“ Bei einem balladenhaften Song, der von einem Paul McCartney gesungen wird, geht die letzte Liedzeile in eine minutenlange Coda über, bei dem die E-Gitarren und das Klavier von D-Dur auf C-Dur wechseln, um dann auf G-Dur zu schwenken und mit D-Dur zu enden. Ein hörbar zusammengewürfelter Chor singt zu diesen Akkorden mit Inbrunst: „Na na na, na-na na, Na-na na na, hey Jude!“ Und während mein Herz schneller schlägt und ich eine Gänsehaut bekomme, spüre ich intuitiv, ich würde nie mehr Bata Illic hören … 

Die Situation: Was uns staunen lässt

Jede und jeder kennt Erlebnisse, die einen erschaudern lassen. Emotionale Erfahrungen der besonderen Art brennen sich in Herz und Hirn ein. Sie werden zu dem Stoff, aus dem Anekdoten sind. Im Einzelfall können sie dem Leben sogar eine neue Richtung geben.

Als die Psychologen Dacher Keltner und Jonathan Haidt das Phänomen der „staunenden Ergriffenheit“ untersuchten, stießen sie auf zwei Bedingungen. Zum einen muss etwas Erhabenes wahrgenommen werden. Was erhaben und groß erscheint, hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab, ist also im Wesentlichen subjektiv. Während der eine „Hey Jude“ als langweiliges Lied empfinden mag, kann ein anderer von diesem Song so geflasht sein, dass sein Musikgeschmack dauerhaft verändert wird. Zum anderen sollte das Erlebnis mit den eingeschliffenen Erlebens-Schablonen konfligieren. Wir werden gewissermaßen vom Einbruch des Großartigen oder des Göttlichen überwältigt. Unser Gehirn hat große Mühe, die mystischen Gipfelerfahrungen mit vorhandenen Erinnerungen zu verknüpfen. Es braucht Zeit und Energie, das Erlebte zu verdauen. Dieser Umstand, der auch bei einem Trauma gegeben ist, ist ein Grund dafür, dass wir uns an Situationen, die uns ins Staunen versetzen, noch Jahrzehnte später gut erinnern können. 

Ehrfurcht ist eine Emotion, die sich aus einem hohen Anteil Verwunderung und einem geringen Anteil Furcht zusammensetzt. Solch ein komplexes Gefühl muss in der Kindheit erst erlernt werden. Dagegen sind die sieben Basis-Emotionen, die als Grundfarben der Seele fungieren, angeboren. Sie gehen mit einem charakteristischen Gesichtsausdruck einher: Jede und jeder kann so auf einen Blick erkennen, ob jemand Furcht oder Ärger erlebt, Trauer oder Ekel empfindet, Verachtung oder Überraschung (Verwunderung) zeigt bzw. Freude zum Ausdruck bringt.

Der Schweizer Religionspädagoge Anton A. Bucher befragte 500 – überwiegend katholische – Personen, was sie mit dem Wort „Ehrfurcht“ verbinden würden. Ehrfurcht tritt nach dieser Studie v.a. in diesen Lebensbereichen auf: in der Natur, im Leben mit seinen Grenzerfahrungen von Geburt und Tod, bezüglich vorbildlicher Persönlichkeiten wie Sophie Scholl und Mutter Teresa, beim Betrachten großartiger Kunstwerke wie dem Petersdom in Rom, und im religiösen Kontext, insofern dieser eine beeindruckende  Begegnung mit dem Schöpfer-Gott ermöglicht, wie bei der Geburt eine Kindes. …

Portrait: Klaus Glas

Klaus Glas

Klinischer Psychologe in eigener Praxis,
www.hoffnungsvoll-leben.de mit psychologisch-pädagogischen Lebenshilfen.

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Foto: © ondrejprosicky – stock.adobe.com

 

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