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Ganz England hörte dieses Schweigen

Ganz England hörte dieses Schweigen

Zum Todestag des britischen Lordkanzlers Thomas More am 6. Juli:
Gestorben für die Freiheit, dem eigenen Gewissen zu folgen.

von Christian Feldmann

„Stünde auf der einen Seite mein Vater und auf der anderen der Teufel, und dessen Sache wäre gut, dann sollte der Teufel Recht bekommen.“ Ein klassisches Statement des britischen Lordkanzlers Thomas More, überliefert von seinem Schwiegersohn und so recht nach dem Herzen derer, die Thomas More heute noch als Märtyrer der Gewissensfreiheit und Musterbeispiel zivilen Ungehorsams bewundern.
Bereits als sechsundzwanzigjähriger frischgebackener Unterhausabgeordneter schmetterte More 1504 im Parlament ein Ansinnen des Königs ab, der 90 000 Pfund Mitgift für seine Tochter haben wollte – und auf Grund der guten Argumente des Grünschnabels nicht einmal die Hälfte bewilligt bekam.
Ein Tausendsassa, dieser brillante Anwalt! Wie das zu Anfang des 16. Jahrhunderts in der Blüte des englischen Humanismus üblich war, verblüffte More mit ironischen Lustspielen und scharfzüngigen Epigrammen, schrieb formvollendete Gedichte in Englisch und Latein, von denen manche bis heute als Volkslieder beliebt sind, und spielte ziemlich gut Flöte und Geige.
Er war eine Persönlichkeit mit verwirrend vielen Facetten. Vier Jahre wohnte er im Gästehaus der Londoner Kartäuser und folgte den strengen Regeln der Gemeinschaft; sein Bußhemd aus Ziegenhaar trug er auch später als Lordkanzler unter den prunkvollen Staatsgewändern.
Als er geheiratet hatte, fiel allen Freunden des Hauses die zärtliche Beziehung zwischen den Eheleuten auf: „Keine Szenen, keine Prügel!“, freute sich Erasmus von Rotterdam. Seinen drei Töchtern ließ er eine für damalige Begriffe ungewöhnlich emanzipierte Erziehung in Latein, Griechisch, Philosophie, Logik, Mathematik, Astronomie angedeihen.

Gerechtigkeitssinn und barmherziger Humor

Längst war Thomas More der berühmteste Rechtsanwalt Londons, beliebt wegen seines Gerechtigkeitssinns und Humors, respektvoll gegenüber seinen Kontrahenten, unbestechlich, aber tolerant, die Dinge nie verbissen sehend. Seine Ironie konnte weh tun, aber er wusste um seine Schwächen und sprach mit Gott wie ein Kind: „Gib mir, guter Gott, ein demütiges, bescheidenes, ruhiges, friedliches, geduldiges, barmherziges, gütiges, zartes, kindliches Herz …“
König Heinrich VIII., gebildet, kunstsinnig, theologisch interessiert, aber auch machtversessen und maßlos in seiner Eroberungsgier und Selbstüberschätzung, holte 1518 den 40-jährigen Thomas More an seinen Hof, als Geheimrat und Richter an einer besonderen Kammer, die den kleinen Leuten Rechtsschutz gewähren sollte. More war an mehreren wichtigen Friedensverhandlungen beteiligt, schrieb philosophische Bücher – und diente dem zunehmend despotischen, blutrünstigen König als moralisches Aushängeschild.
Heinrichs Interesse für die junge Hofdame Anna Boleyn sollte nicht nur seine Politik verwirren und die englische Kirche von Rom trennen, sondern Thomas Mores Schicksal besiegeln. Der König wollte das Mädchen ebenso zu seiner Mätresse machen wie zuvor schon Annas Mutter und Schwester. Mit ihr hatte er allerdings erheblich mehr Schwierigkeiten: Sie verlangte eine legale Verbindung und den Platz an seiner Seite.
Der war aber leider bereits seit dreizehn Jahren von der spanischen Prinzessin Katharina von Aragón besetzt. Mit dieser Königin waren Heinrich und halb England schon lange vor Anna Boleyns Auftreten unzufrieden gewesen, hatte sie doch dem Land nicht den ersehnten männlichen Thronfolger geschenkt.

 

Markus Hauck

Mitglied der basis-Redaktion.

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Foto: © H. Brantzen 

 

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