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Geht in alle Welt…

„Geht in alle Welt…“

Schönstatt als eine internationale Bewegung

von Hubertus Brantzen

Wie ein Aufruf zu einem Pilgerweg durch die Zeit klingen die Worte des auferstandenen Christus an seine Jünger:

„Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“
(Mt 28,16) 

Und vor seiner Himmelfahrt ermutigt er noch einmal seine Jünger: 

„Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8)

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Kirche diesen sogenannten „Missionsbefehl“ ernst nahm. Der Anspruch des Herrn der Kirche, Jesus Christus, führte dazu, dass sich heute 2,3 Milliarden Menschen dem Christentum zugehörig fühlen. Etwa 1,3 Milliarden davon sind katholisch. (Dass jener Befehl Jesu manchmal mit aggressiven Methoden befolgt wurde, gehört leider zu den unschönen Kapiteln der Kirchengeschichte.)

Anteil an der Sendung der Kirche

Das Christentum entwickelte sich in den verschiedenen Regionen rund um den Globus in je eigener Weise. Gesellschaftliche oder innerkirchliche Probleme und Fragestellungen forderten zu allen Zeiten unterschiedlich heraus. Auf solche Situationen reagierte – so die gläubige Überzeugung der Kirche – Gottes Geist, der der Kirche als „Kraft“ verheißen ist. Dieser kreative Geist berief Menschen, initiierte Orden und Gemeinschaften, entfachte geistliche Strömungen und Bewegungen, die der Kirche belebende Antworten auf jene Probleme und Fragen schenken sollten. So brachte zum Beispiel die Bewegung des Mönchvaters Benedikt mit ihren Klöstern und der „stabilitas loci“ (dem Bleiben an einem Ort) Ruhe in den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung. Franziskus als „Christusgestalt des Mittelalters“ und seine Armutsbewegung brachten ein Gegengewicht zur verweltlichen Kirchenführung und zeigte neu auf, was es heißt, in der Nachfolge Christi zu leben.

Im jüngsten Abschnitt der Kirchengeschichte gibt es viele Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen, die neue Perspektiven des Glaubens in der modernen und zunehmend säkularisierten Welt leben möchten. Zu ihnen zählt auch die Schönstatt-Bewegung. Sie alle haben Anteil an der Wegweisung Jesu, in die Welt hinauszugehen und Zeugnis für den Glauben abzulegen.

Von Anfang an – die Schönstatt-Bewegung

Als Pater Josef Kentenich am 18. Oktober 1914 einem Kreis von Schülern in der kleinen Kapelle von Schönstatt seine Idee vortrug, diese Kapelle zu einem Wallfahrtsort zu machen, wusste niemand, was aus dieser Idee werden würde. Pater Kentenich wartete, bis einer der Schüler, Josef Engling, nachfragte, was nun aus dem Vorschlag werde. Und diese Kapelle erwies sich immer mehr als eine Quelle, die zu einem breiten Strom wurde.

Einen ersten Schritt in die Weite brachte der erste Weltkrieg. Die Schüler mussten in einen unseligen Krieg ziehen, nutzten diesen aber, um anderen von ihrer Idee zu erzählen. Im Blick auf die Idee Vinzenz Pallottis von einem „Weltapostolatsverband“ entwickelte sich seit 1916 das Ziel, zur religiösen und sittlichen Erneuerung der Welt beitragen zu wollen. Auf diese Weise wuchs die junge Bewegung über den Kreis der Schüler hinaus und profilierte sich nach dem Krieg 1919 als „Apostolischer Bund“. Nach der Gründung der Schönstätter Marienschwestern 1926 weitete sich der Blick hinaus in die Welt. 1933 wurden die ersten Marienschwestern nach Afrika ausgesandt, 1935 nach Lateinamerika.

Gründung der „Schönstätter Internationalen“

Neue Perspektiven ergaben sich, als Pater Kentenich von der Gestapo 1942 im Konzentrationslager Dachau interniert wurde. Dort traf der Gründer auf Gefangene aus vielen Nationen. Er bildete zwei Priesterkreise und hielt Kontakt mit vielen Einzelnen. Am 18. Oktober 1944 gründete er formell die „Schönstätter Internationale“.

Pater Kentenichs verwendete Formulierungen und Schlagworte, die in anderen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen auftauchten und ein wichtiges Anliegen anzeigten, deutete sie aber um. So entwickelte sich sein Begriff von der „Schönstätter Internationalen“ unter anderem aus der Auseinandersetzung mit internationalen Manifesten, so der weit zurückliegenden sozialistischen Internationalen in London 1864, der kommunistischen Internationalen von Moskau 1919 sowie der Gegenbewegung in der christlich orientierten Gewerkschaftsinternationalen von Utrecht 1920. Der Vision einer marxistischen Sendung sollte eine christliche entgegengesetzt werden.

Schönstatt-Heiligtümer in der ganzen Welt

Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges gab es in Deutschland mehr als 250 kleine Schönstatt-„Kapellen“, etwa als Nebenaltäre in Kirchen oder als größere Bildstöcke. In vielen Häusern hingen Bilder der Muttergottes von Schönstatt. Was die Schönstatt-Spiritualität an geistlicher Bereicherung für den Glauben und das Leben brachte, wollten die Menschen in ihre Häuser und Gemeinden mitnehmen. 

Zur Zeit des Nationalsozialismus entwickelt sich in Lateinamerika etwas Neues. Am 18. Oktober 1943 wurde in Nueva Helvecia/Uruguay ein erstes, der Kapelle in Schönstatt nachgebildetes Heiligtum eingeweiht. Die Schwestern dort wussten nicht, ob sie wegen der Kriegswirren in Europa jemals noch einmal nach Deutschland kommen könnten. Sie suchten einen Ort geistiger Beheimatung und wollten darum das sogenannte „Urheiligtum“ nachbauen. Pater Kentenich war nicht nur mit dieser Entwicklung einverstanden, sondern machte die Gründung von neuen „Filialheiligtümern“ sogar zum Programm.

Was zunächst wie eine spirituelle Nostalgie erscheinen mag, darf im Rückblick als eine Inspiration verstanden werden, die – im Sinne der geistlichen Spurensuche nach dem Gott des Lebens – die Bedürfnisse der Menschen aufgreift. An diesen Bedürfnissen anknüpfend wurde und wird bis auf den heutigen Tag durch diese besonderen Orte eine konkrete Art des christlichen Glaubens rund um den Globus – eben bis an die Grenzen der Erde – präsent. Die inzwischen über 200 „Filialheiligtümer“ auf allen Erdteilen sind, so in der Sprache Pater Kentenichs, „symbolischer Ausdruck, Mittel und Schutz“ für den Glauben. 

Christlicher Universalismus konkret

Die vage Vorstellung vom 18. Oktober 1914 hatte sich erfüllt: „Ich möchte diesen Ort gerne zu einem Wallfahrts-, zu einem Gnadenort machen für unser Haus und für die ganze deutsche Provinz (der Pallottiner) und vielleicht noch darüber hinaus.“ Diese Worte klängen verdächtig nach Selbstüberschätzung oder gar Größenwahnsinn, würden sie sich nicht als eine Konkretisierung des biblischen „bis an die Grenzen der Erde“ verstehen. Gott spricht durch seinen Geist in jede Zeit die Hoffnung hinein, dass sein Wort in den Herzen aller Menschen ankommt. So ist dem Christentum ein unbändiger Universalismus in die Wiege gelegt. 

Ignatius von Loyola hatte seine Gefährten in diesem Sinn zu ihren Aufgaben mit den Worten ausgesandt: „Ite, incendite mundum!“ – Geht und entzündet die Welt! Pater Kentenich hat diesen Aufruf oft etwa am Ende von Tagungen zitiert und damit ermutigt, den biblischen Auftrag, Zeugen des Glaubens zu werden, ernst zu nehmen. 

Das könnte eine Anregung für die Kirche besonders in unseren Breiten sein, mehr zu glühen für den Auftrag Jesu, wie es in dem Lied heißt: 

„Die Sache Jesu braucht Begeisterte.
Sein Geist sucht sie auch unter uns.
Er macht uns frei, damit wir einander befrein.“

Artikel im Schönstatt-Lexikon

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(Einzelausgabe kaufen für 3,80 € oder abonnieren)

 

Hubertus Brantzen

Prof. Dr., Pastoraltheologe, Mainz.

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Beitragsfoto: © Schönstadt · Marienschwestern

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