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Getrieben von Sehnsucht

Getrieben von Sehnsucht

Wie aus Betroffenheit Engagement wird – Impulse von Clarkson und Kentenich

von Elmar Busse

Thomas Clarkson (*1760 +1846) war ein begabter, ehrgeiziger Student in Cambridge. Er ging 1785 nach London und gewann einen vom Hochschultheologen Peter Packard ausgeschriebenen Rhetorikwettbewerb auf Latein zum Thema: „Ist es rechtens, andere gegen ihren Willen zu versklaven?“ Damals war Sklaverei selbstverständlich und nicht kritisch hinterfragt. Es war schon immer so! Gewohnheit lässt einfach abstumpfen. Nun hatte er die Verkrustung der Gewohnheit durch seine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema absprengen können und war von dem Skandal der Sklaverei tief betroffen. Aber nicht nur er selbst. Der lateinisch verfasste Essay erregte Aufsehen und brachte ihn zudem in Kontakt mit Granville Sharp und weiteren ‚Abolitionisten‘ (so wurden die Gegner der Sklaverei in England bezeichnet). Die Schrift von Anthony Benezet mit dem Titel „Historical Account of Guinea“ (deutsch: „Historischer Bericht von Guinea“) schockierte ihn und rüttelte ihn weiter auf.

Am 22. Mai 1787 gründete er mit dem Sklaverei-Gegner Granville Sharp, dem Drucker James Phillips und neun weiteren Personen in London die „Gesellschaft zur Abschaffung des Sklavenhandels“, die auch Abolitionisten-Bewegung genannt wurde. Neun von zwölf der Gründungspersonen waren Quäker. Der Quäker und Buchverleger James Phillips publizierte im gleichen Jahr seinen Essay zu Sklaverei und Menschenhandel: „An Essay on the Slavery and Commerce of the Human Species, Particularly the African“, der eine weite Beachtung fand. Als Diakon der anglikanischen Kirche hatte Clarkson einen gewissen Status. Außerdem pflegte er Kontakte zu Politikern.

Nach ein paar Jahren schlitterte er in einen Burnout, rappelte sich aber auf und kämpfte weiter. Als wichtigen Etappensieg empfand er 1807 ein neues Gesetz zum Verbot des Sklavenhandels im britischen Empire. Clarkson erlebte noch, dass die Sklaverei im britischen Empire 1834 verboten wurde. Aus einem ehrgeizigen Studenten war ein Mensch geworden, der sich einem Anliegen ganz verschrieben hatte und dafür seine Intelligenz, sein Herz, seine Energie einsetzte.

Hindurchgekämpft: Organisches Denken, Leben und Lieben

Ich möchte eine Parallele ziehen zum Gründer der Schönstatt-Bewegung – Pater Josef Kentenich. Bei ihm war es mehr die eigene persönliche Entwicklung, die ihn dazu trieb, sich einem Anliegen ganz zu verschreiben, nämlich der Förderung der Beziehungsfähigkeit des modernen Menschen. Im Rückblick auf sein bisheriges Leben deutete er 1955 seine Krisen in der Jugendzeit (da war er immerhin schon 70) so:

„Wegen des öffentlichen Rufes, in dem ich damals wegen meiner Schulerfolge stand, bemühten sich viele Ältere um meine Freundschaft. Niemals habe ich mich jedoch dazu hergegeben. Der Zug zur Abgeschlossenheit und Geschlossenheit und eine außergewöhnliche, fast überspitzte transzendentale Einstellung ließen nichts anderes zu…. Als Typ des modernen Menschen durfte ich dessen geistige Not reichlich auskosten. Es ist die Not einer mechanistischen Geistigkeit, die die Idee vom Leben (Idealismus), die Person vom personalen Gegenüber (Individualismus) und das Übernatürliche von der natürlichen Ordnung trennt (Supernaturalismus). Die Seele wurde während dieser Jahre einigermaßen im Gleichgewicht gehalten durch eine persönliche, tiefe Marienliebe. Die während dieser Zeit gemachten erlebnismäßigen Erfahrungen ließen mich später die Sätze formulieren: Die Gottesmutter ist schlechthin der Schnittpunkt zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Natur und Übernatur… Sie ist die Waage der Welt… Durch die Vermählung zwischen Idee und Leben oder durch organische Denk- und Lebensweise wurde nicht nur eine volle Gesundung des eigenen Seelenlebens erreicht, sondern auch die eigentliche Lebensaufgabe – Überwindung der mechanistischen Denk- und Lebensweise – eine außerordentlich starke Prägung erhielt. Nimmt man die innere Verknüpfung mit der Marienliebe hinzu, so dürfte im Wesentlichen mein Kampf um den Organismusgedanken im rechten Lichte erscheinen. Nachdem ich während meiner Reifejahre dem metaphysischen Zug meiner Seele Spielraum ließ, entwickelte sich durch die Fühlung mit dem Leben die psychologische Einfühlungsfähigkeit und Gestaltungskraft. Die eigentliche schöpferische Tätigkeit, die sich im Laufe der Jahre mehr und mehr verwirklichte, besteht in der harmonischen Verbindung zwischen natürlicher und übernatürlicher Ordnung und der gegenseitigen Wechselwirkung.“

Auch wenn Pater Kentenich stichwortartig erläutert, was er unter ‚mechanistischer Geistigkeit‘ und ‚organischem Denken‘ versteht, ist es sicher hilfreich, die heute geläufigeren Ausdrücke dazu zu verwenden. Da geht es um Beziehungsunfähigkeit und die damit verbundene Einsamkeit einerseits und andererseits um Beziehungsfähigkeit. Pater Kentenich spricht regelrecht vom Bindungsorganismus: Ich kann mich an Personen, an Werte, an Orte, an Aufgaben „binden“. Und konsequenterweise definierte er dann auch seelische Gesundheit als Grad und Umfang des Bindungsorganismus‘. Auch der traditionelle Begriff ‚Erlösung‘ bekommt dadurch bei ihm eine besondere Färbung. Erlöst werden heißt: beziehungsfähig werden. Und in der Trinitätslehre wird aus dem Heiligen Geist die Person gewordene Beziehungsfähigkeit zwischen Vater und Sohn.

Während für Thomas Clarkson im Blick auf die Sklaverei die Kruste der Gewohnheit im öffentlichen Bewusstsein weggesprengt werden musste, damit der Skandal sichtbar wurde, ist es bei der Beziehungsunfähigkeit eher ein stilles Leiden des Einzelnen.

Einsamkeit heute

Nach einem Abendgottesdienst sagte eine Gottesdienstbesucherin (sie ist geschieden und die Söhne haben entweder den Kontakt ganz abgebrochen oder verhalten sich sehr distanziert): „Die paar Worte, die ich jetzt hier spreche, sind die einzigen Worte, die ich heute mit Menschen ausgetauscht habe.“ Eine andere Rentnerin beklagt sich wöchentlich mehrmals am Telefon oder per SMS, dass sie wieder einen Streit mit ihrem Sohn hatte. Ein weiteres Ehepaar leidet darunter, dass der eine Sohn alkoholkrank geworden ist und den Kontakt zu ihnen total abgebrochen hat.

Die Dichter und Schriftsteller, denen man ja eine gewisse seismographische Sensibilität für Lebensgefühl und Trends nachsagt, haben das Thema Einsamkeit und Beziehungsunfähigkeit schon lange thematisiert.

  • Denken wir an Jean-Paul Sartres Stück „Hinter verschlossenen Türen“,
  • an „Geschlossene Gesellschaft“ von 1944 mit der Kernaussage: „Die Hölle – das sind die anderen.“
  • Das Theaterstück von T.S. Eliot „Die Cocktailparty“, das 1950 in die deutschen Theater kam, thematisiert ebenfalls die Beziehungsunfähigkeit. Pater Kentenich analysiert 1954 dieses Stück und seine Charaktere in: „Maria – Mutter und Erzieherin. Eine angewandte Mariologie, S. 413-416.“
  • Die Journalistin Diana Kinnert hat 2021 ein dickes Buch veröffentlicht: „Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können.“
  • Der Ulmer Professor Manfred Spitzer veröffentlichte 2019 das Buch: „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit.“
  • Und Noreena Hertz schrieb 2021: „Das Zeitalter der Einsamkeit – Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt.“

Pater Kentenich damals ein einsamer Rufer. Seine aufgezeigten Konsequenzen für einen Gestaltwandel der Kirche und einen veränderten Stil in der Seelsorge wirken auch heute noch wie Insidertipps. Er sprach von „Durchorganismierung der Pfarreien“ und meinte damit, in jeder Pfarrei sollten viele Kleingruppen gebildet werden, in denen – statt in Form von Meinungsaustausch zu diskutieren – man sich über die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse austauscht. Dadurch durchzieht die jeweilige Pfarrei ein Netzwerk von seelisch-geistiger Nähe.

Viele Veranstaltungsformate der Schönstatt-Familienbewegung haben als Grundanliegen die Förderung der Beziehungsfähigkeit der Ehepartner und als wichtige Voraussetzung dafür die Förderung der Sprachfähigkeit im Sinne von weniger diskutieren, aber mehr sich selbst mitteilen.

Auch der Brauch der Paare, sich wöchentlich einen Beziehungspflegeabend zu gönnen, den Pater Kentenich schon in den 1960er Jahren in den USA Paaren ans Herz gelegt hatte, wird als stabilisierend für die Partnerschaft sehr geschätzt, auch wenn in der Hektik des Alltags dieser Abend schon mal ausfallen kann.

Die Gottesmutter im Blick

Pater Kentenichs Blick auf Maria ist ebenfalls geprägt durch den Filter ‚Beziehungsfähigkeit‘. 1854 wurde das Dogma von der Erbsündelosigkeit Mariens feierlich verkündet. Erbsünde in ihren drei Dimensionen bedeutet eine gestörte Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zum Mitmenschen. Adam und Eva verstecken sich vor Gott, sie fangen an, sich zu schämen und machen sich Kleider aus Fellen, und Adam schiebt die Schuld auf Eva.

Wenn Maria die Erbsünde freie Frau ist, dann hat sie ein gutes Verhältnis zu Gott. Sie ist ihm gegenüber so offen, dass Christus in ihr Mensch werden kann. Sie hat ein gutes Verhältnis zu sich selbst, sonst könnte sie nicht im Magnifikat singen: „Von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihren Mitmenschen: Denken wir an ihren Besuch bei Elisabeth, an ihre Fürbitte für das Hochzeitspaar in Kana und schließlich an das ‚Testament‘ Jesu, der seinen Lieblingsjünger seiner Mutter anvertraut.

– Das hat pastorale Konsequenzen: Wer die Nähe Mariens sucht, wer in das Klima eintaucht, das sie um sich verbreitet, der darf damit rechnen, dass – ähnlich wie beim jungen Pater Kentenich – er selbst seelisch heil und voll beziehungsfähig wird. Das ist die hoffnungsstiftende Botschaft, die die Schönstatt-Bewegung in den Diskurs um den Gestaltwandel der Kirche einbringen möchte.

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Elmar Busse

Schönstatt-Pater / seit 2015 Hausgeistlicher bei den Armen Dienstmägden Jesu Christi (ADJC) in Dernbach, von 1992 bis 2015 Ehe- und Familienseelsorger.

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Beitragsfoto: © Tatyana Gladskih · stock.adobe.com