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Gott allein genügt?

Gott allein genügt?

Über Sucht, Sehnsucht und die Freiheit zur Liebe

von Manfred Gerwing

„Das Furchtbare ist, dass man sich nie genügend betrinken kann.“ André Gide, der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, meinte damit keinen Einzelfall, schon gar nicht sich selbst, sondern den Menschen überhaupt. Nicht, dass der Mensch sich betrinkt, ist schrecklich, sondern dass jeder Trank, jeder Rausch, nicht nur der der Sinne, einfach nicht genügt. Wofür aber und wozu „genügt“ er nicht? 

Noch ein Glas. Noch ein Rausch. Noch einmal dieses Gefühl, dass die Grenzen für einen Augenblick verschwimmen, dass die Schwere des Lebens leichter wird, dass man nicht mehr ganz bei sich sein muss. Aber dann kommt der Morgen. Und mit ihm die Ernüchterung. Das, was gestern Erlösung versprach, hat heute schon seine Wirkung verloren. Also wiederholt man es, immer wieder und immer mehr, bis zur Sucht. Liegt hier nicht die verhängnisvolle Logik der Sucht? Sie lebt von einer Sehnsucht, die sie niemals stillen kann.

Der unstillbare Durst

Christen stimmen dem französischen Schriftsteller zunächst zu. Auch sie kennen den Menschen als ein Wesen des unstillbaren Durstes. Die Bibel ist voll von diesem Durst: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“ (Ps 42,2). Der Mensch will mehr als das, was ist. Er sucht Glück, Liebe, Geborgenheit, Ganzheit. Er möchte über sich hinaus. Er möchte, um es mit einer alten theologischen Sprache zu sagen, hin zur Transzendenz, zum Unwandelbaren, Ewigen.

Aber Christen widersprechen André Gide an einem entscheidenden Punkt: Dieser Durst treibt den Menschen nicht notwendig ins Nichts und in die Leere. Er kann ihn, so die christliche Hoffnung, zum „Ein und Alles“ führen: zu Gott, der den Menschen schon längst in seiner Liebe trägt. Der unstillbare Durst des Menschen wäre dann kein Defekt, den man möglichst schnell beseitigen müsste, sondern ein Hinweis darauf, dass der Mensch auf ein Mehr hin geschaffen ist, das kein noch so intensives Erlebnis, überhaupt keine endliche Wirklichkeit ein für alle Mal stillen kann. 

Die christliche Mystik hat diese Hoffnung in einem kurzen Gedicht ins Wort gebracht.
Es stammt von Teresa von Ávila († 1582):

Nichts dich ängstige, nichts dich erschrecke.
Alles vergeht, Gott ändert sich nicht.
Die Geduld erreicht alles.
Wer an Gott sich hält, dem fehlt nichts.
Gott allein genügt.

Es ist ein Gedicht über das Genug und zugleich über die Vergänglichkeit. Alles, woran der Mensch sich halten kann, vergeht: Dinge, Erlebnisse, Beziehungen, Erfolge, Gesundheit, selbst das eigene Leben. Gott allein bleibt.  …

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Manfred Gerwing

Univ.-Prof. (em.) Dr. Manfred Gerwing, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Mitglied des Schönstatt-Familienbunds in Deutschland. Wegen seiner Verdienste in Wissenschaft und Kirche erhielt er 2019 den Gregorius-Orden, einen der höchsten Orden, die der Papst an Laien verleiht.

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