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Gott bei den Menschen daheim

Gott bei den Menschen daheim

Weihnachtsgeschichte

von Guido Bausenhart

Das Kind von Bethlehem und die Erlösung der Menschen

Daheim bin ich, wo ich schwach sein darf, und niemand nützt das aus. So Theodor W. Adorno.

Wer Schwäche zeigt, wer sich als schwach ertappen lässt, riskiert die Macht des Stärkeren und wird als Verlierer enden. Darum die Anstrengungen, stark zu sein; Stärke wenigstens zu simulieren; in Drachenblut zu baden. Darum die Angst und die aufwändigen Bemühungen, sich in Sicherheit zu bringen, sich unangreifbar zu machen.

Ihre Macht hat die Angst erst dann verloren, ihr Bann ist erst dann gebrochen, wenn ich unbedroht und ungefährdet sein kann; wenn mein Vertrauen, das mir unbefangene Offenheit erlaubt, sich auf eine Instanz richtet, die dieses Vertrauen absolut rechtfertigt; wenn es auf eine Instanz vorgreift, die diese Verlässlichkeit unbedingt verbürgt, die mich nicht enttäuschen wird.

Das kann weder ich selbst noch einer meiner Mitmenschen. Diese Perspektive eröffnet die Religion: Sie ermöglicht das Paradox eines risikofreien Zugangs zur Ungewissheit. Sie macht Gott zum Thema als den, der nicht den Grenzen einer gefährdeten, im Letzten unzuverlässigen Welt der Natur, der Technik und des Sozialen unterliegt. Sie thematisiert die von Gott gestiftete Beziehung zu mir, die ein Vertrauen legitimiert, das diese Welt aus sich nicht zu begründen vermag.

Der gar nicht harmlose Gott als Mensch

Vom kleinen Kind in der Krippe hat niemand etwas zu befürchten. Ihm gegenüber erlebe ich mich unbedroht. Kinder in ihrer gewinnenden Arglosigkeit werden mir nicht gefährlich. Darum erlauben sie mir ja auch, besser: deshalb kann ich es mir erlauben, mich ihnen gegenüber vorbehaltlos zu öffnen, mich ihnen schutzlos zuzuwenden, mich ihnen gegenüber in einer Weise zu verhalten, wie ich es vor Erwachsenen, denen ich doch nicht absolut trauen kann, niemals täte.

Das Kind in der Krippe – schutzlos, verletzlich, bedroht – für nur einen wird es zur realen Bedrohung, und er reagiert mit bestialischer Gewalt: Herodes. Er argwöhnt in diesem Kind einen Konkurrenten als „König der Juden“ (Mt 2,2). Er reagiert auf die Nachricht von seiner Geburt mit Angst und sieht sich dann in der Entscheidung: Er oder ich – eine groteske Fehlentscheidung! Von diesem wehrlosen Kind geht keine Gefahr aus. Es begegnet den Menschen in der denkbar arglosesten Geste, in der vorbehaltlosesten aller Weisen.

Erschienen ist die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes (Tit 3,4)

Herodes und die vielen Herodiasse können sich nicht schwach zeigen, weil sie das nicht kennen, dass das nicht sofort ausgenützt wird. Für Herodes ist es unvorstellbar, dass das im Falle dieses Kindes in Betlehem anders sein könnte; dass es einen „König der Juden“ geben könnte, der nicht mit allen Wassern der Berechnung und der Macht gewaschen wäre; von dem er sich nicht bedroht fühlen müsste.

Das Kind in der Krippe ist ein Kind – doch ein besonderes: Das Besondere dieses Kindes hätten die Hirten nicht erahnt, wenn ihnen nicht die Engel auf ihren Feldern den „Retter, den Messias, den Herrn“ (Lk 2,11) verkündet hätten. Auch Maria und Josef wüssten nicht, wen sie da eigentlich im Stall bewachen, behüten, besorgen, wenn Gabriel nicht Maria die Geburt ihres Kindes als die des „Sohnes des Höchsten“ (Lk 1,32) angekündigt hätte; wenn der Engel nicht im Traum Josef aufgeklärt hätte: „Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21).

Das Einmalige ist ein Zweifaches:

– dass der Retter, der Messias, der Herr, dass der Sohn des Höchsten, dass der Erlöser des Volkes als Kind erscheint und so nicht den geringsten Anlass gibt zu fürchten, ausgenützt zu werden, zu kurz oder unter die Räder zu kommen, über den Tisch gezogen zu werden;

– dann aber auch, dass dieses Kind, erwachsen geworden, diesen Charakter gewinnender Arglosigkeit nicht verlieren wird; dass Gott ein menschenfreundlicher Gott bleiben wird, ein Gott, der es gut meint mit mir, dem schwachen Menschen.

Die weitere Lebensgeschichte dieses Kindes wird diese vorbehaltlose Zuwendung Gottes zum schwachen, erlösungsbedürftigen Menschen anschaulich und wirksam machen. In seinem Reden und Handeln redet und handelt Jesus von Nazareth im Namen Gottes und in seiner Vollmacht, eines Gottes, dem es um die Menschen geht und um ihr Heil.

Mit besonderer Vorliebe kümmert sich Jesus um die Kranken und Schwachen, um die Gemobbten und Ausgeschlossenen, um die hoffnungslosen Fälle, für die Gott die Hoffnung eben nicht aufgegeben hat: die Sünder und die Zöllner, eine besondere Kategorie von Sündern, die aufgegeben waren und im Urteil damaliger „Gottesbeamter“ keine Zuwendung mehr verdienten.

Sie erlebten die Nähe Jesu als den Ort, wo sie schwach sein durften, wo sie sein durften, wie sie sind, wo sie sich nicht verstellen mussten, wo sie Heimat erfahren haben.

Sich vom Erlöser erlösen lassen

In dieser Weise daheim zu sein – damit könnte man umschreiben, was mit „Erlösung“ gemeint ist:

Wenn die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen sich in seiner Angst meldet und dramatisch erfahren wird, weil wir Vertrauen immer zu kalkulieren gezwungen sind, um unser eigenes Selbst zu sichern, zu schützen; wenn die Erlösungsbedürftigkeit sich dann darin meldet, dass wir diese Selbstsicherheit einerseits im Nie-genug-Haben suchen, anderseits im Gegenüber möglicher Konkurrenten – gegen sie und möglichst über ihnen und im Misstrauen ihnen gegenüber; wenn der Tod schließlich auch unsere krampfhaft aufgebaute und aggressiv behauptete Selbst-Sicherheit radikal in eine letzte Aporie und Sackgasse führt, weil wir im Tod alles verlieren und uns selbst zu verlieren drohen –

dann wäre Erlösung darin zu finden, dass ich meine Angst aufzugeben imstande wäre, weil ich meine Sicherheit nicht auf der tausendfach bedingten, kontingenten Welt zu gründen gezwungen wäre – auch nicht auf der konditionierten und jederzeit widerrufbaren Anerkennung durch die anderen – ich sie schließlich auch nicht in mir selber finden müsste; dass ich zu einem gelassenen Vertrauen befreit wäre, weil ein unbedingtes, göttliches Ja zu mir das Versprechen, das die Welt und die Menschen geben, auch das Versprechen, das ich selber bin, noch einmal untergreift und trägt – und einlöst.

Die ursprüngliche Erfahrung von Mutter und Vater verspricht dem Kind, was letztlich allein Gott einlösen kann. Darum hat es großen Sinn, Gott als Vater und Mutter anzurufen, weil darin die große Hoffnung mit aufgerufen wird: „dass er (der einzelne Mensch), der Nicht-Notwendige, sich als berechtigt, daß er, der Überflüssige, sich als erwünscht, daß er, der Ausgesetzte, sich als geborgen zu erleben vermag“ (Eugen Drewermann).

Guido Bausenhart

Univ.-Prof. Dr. theol., Rottenburg und Hildesheim, verantwortlich für den Bereich Theologie in der Basis.

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