Heiligkeit oder: Leben in Fülle!
Eine Einladung zu einem erfüllten Leben
von Manfred Gerwing
In der Vorstellung vieler Menschen ist Heiligkeit oft mit Verzicht, Einschränkung und Entbehrung verbunden. Doch die Bibel zeichnet ein anderes Bild: Heiligkeit ist keine Last, sondern eine Einladung zu einem Leben in Fülle. Jesus selbst spricht im Johannesevangelium (Joh 10,10) davon, dass er gekommen sei, „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“. Doch was bedeutet es konkret, in dieser Fülle zu leben? Und wie lässt sich dieses „Leben in Fülle“ mit jener Heiligkeit vereinbaren, wie sie im christlichen Sinne zur Geltung kommt?
Christlich verstanden ist allein Gott heilig. Er allein ist „der Heilige“. „Du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste …“, so heißt es im Gloria, dem feierlichen Lobgesang der Messe. Auch das Sanctus, das zu Beginn des eucharistischen Hochgebets als Antwort der Gemeinde auf die Präfation gesprochen wird, verkündet dies. In Franz Schuberts (1797–1828) berühmtem geistlichen Werk, der „Deutschen Messe“ (1827), lautet der Text von Johann Philipp Neumann (1774–1849) dazu:
„Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr! Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er! Er, der nie begonnen, er, der immer war, ewig ist und waltet, sein wird immerdar.“
Die Sehnsucht nach einem Leben in Fülle
Gott ist der einzig Heilige, der Schöpfer der Welt und aller Dinge. Und er will das Heil aller Menschen (vgl. 1 Tim 2,4). Was genau unter „Heil“ zu verstehen ist, hängt unmittelbar mit Gott selbst zusammen. Heil ist das, was der „Heilige“ dem Nichtgöttlichen – und damit ursprünglich Nicht-Heiligen – aus Gnade gewährt. Das Unheilige wird durch diese göttliche Zuwendung geheiligt. In allen großen Weltreligionen geht es letztlich um diese eine Frage: Wie werde ich heilig? Was muss ich tun, wie muss ich denken, fühlen und handeln, um heilig zu werden?
Der Grund für dieses Streben nach Heiligkeit liegt in der menschlichen Selbsterkenntnis: Der Mensch erkennt seine Sterblichkeit. Er weiß zwar nicht, wann, wo oder wie es geschieht, doch er weiß gewiss: Am Ende steht der Tod. Wenn ein Kind getauft wird, wissen wir nicht, was aus ihm werden wird – ob Professor oder Penner, womöglich sogar beides. Wir wissen nur eines: Dieses Kind wird einmal sterben.
Der Mensch ist sich seiner zeitlichen Begrenzung bewusst; er sehnt sich nach Ewigkeit und Unsterblichkeit. Er sucht einen Weg, seiner Endlichkeit, Vergänglichkeit, Schwachheit und Schuldhaftigkeit zu entgehen. Er möchte „heil“ werden – im Sinne von „ganz“ sein. Er sehnt sich nach dauerhafter Kraft und einem Leben in jener unendlichen Fülle, die nicht mehr zu überbieten ist. …
… (Einzelausgabe kaufen für 3,80 € oder abonnieren)
Beitragsfoto: © Strelciuc · stock.adobe.com

