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Heimat 2.0

Heimat 2.0

von Fabian Wolf

Es gibt keinen Plural von „Heimat“. Für einen Ort muss man sich offenbar entscheiden. Das ist auf den ersten Blick unproblematisch, wenn man den Begriff als den Ort definiert, „in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen“, wie es auf Wikipedia heißt. Die identitätsstiftende Prägung des Herkunftsorts bleibt in der Regel ein Leben lang bestehen. Wenn man diesen Ort verlässt – und das scheint in Deutschland heutzutage eher die Regel denn die Ausnahme zu sein –, nimmt mit den Jahren die emotionale Bindung und das Gefühl der Beheimatung meist ab. Ich bekam zumindest diesen Eindruck, als ich in meinem Freundeskreis dazu eine kleine Umfrage gestartet habe. Die Antworten gingen von „nostalgischer Erinnerungsort“, über „schrittweise Entfremdung“ bis hin zur „Ablehnung“, obwohl sich die eigene Identität in hohem Maß über die Herkunft definiert.

Ein neuer Heimatbegriff

Den sperrigen Begriff „Heimat“ wollte man natürlich am liebsten gar nicht benutzen. Zu sehr wurde er in der Vergangenheit nationalistisch missbraucht. In der aktuellen Diskussion ist er zum Kampfbegriff politischer Lager geworden. Kurzum, „Heimat“ ist für viele ein belastetes Wort, das man zu vermeiden sucht. Allenfalls stückelt man es auf, spricht von „einem Stück Heimat“ hier und da. Doch jenseits aller begrifflichen Schwierigkeiten wurde in den Gesprächen deutlich, dass eine „Beheimatung“ bei Menschen und an Orten für alle irgendwie ein interessantes und zugleich hochsensibles Thema war. Mein Eindruck ist, dass sich der Fokus auf die Menschen verlagert hat. Mit „Ortsgebundenheit“ konnten die wenigsten etwas anfangen, man fühle sich eher bei Menschen als an bestimmten Orten zuhause. 

Fabian Wolf

Dr. phil., Kunsthistoriker am Städel Museum in Frankfurt am Main. Veröffentlichungen in den Themenbereichen Kunst und Religion. Verantwortlich in basis für den Bereich Kunst und Kultur.

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Foto: © Jacob Lund · stock.adobe.com

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