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Helft uns innehalten

Helft uns innehalten

Brief einer Enkelin an ihre Großmutter

Liebe Oma!

Ich muss dir einfach mal wieder schreiben. Du bist die Einzige, der ich noch Briefe schreibe, allen anderen schreibe und antworte ich mit meinem „Wischkästle“, wie du mein iPhone immer nennst, weil ich ständig darüber wische, um ihm Informationen zu entlocken. Ich schreibe dir gerne Briefe. Es tut gut, über dem weißen Papier zu sitzen, in aller Ruhe zu überlegen und die Buchstaben aufs Papier zu bannen. Es ist ein ruhiger und beruhigender Vorgang, ganz anders als das hektische Eintippen von SMS, Mails oder WhatsApp-Nachrichten …

Da sind wir schon beim Thema, warum ich dir schreibe. Du hast bei meinem letzten Besuch bei dir traurig gesagt, du wärst ja zu nichts mehr nütze, könnest nichts mehr tun, nicht mal mehr jemandem etwas Arbeit abnehmen oder für ihn kochen. Dieser Satz ist mir lange nachgegangen, weil ich dein Dasein so ganz anders erfahre. Es stimmt, wir Menschen definieren uns immer über unser Tun, was wir geschafft und hinbekommen haben, wo wir vielleicht herausgestochen sind aus dem Gros der Menschen, wo wir uns Verdienste, Lob oder besondere Zuwendung verdienen konnten. Das Tun befriedigt uns und lässt uns abends glücklich einschlafen – je länger unsere „Vollbracht-Liste“ ist, desto zufriedener mit uns sind wir.

Wider Dauerhektisierung und Technikwahn

Inzwischen hat sich unsere Zeit aber gravierend verändert. Wir müssen im Laufschritt unsere Arbeit tun, die Ellbogen kräftig benutzen, damit der Chef auch merkt, wie gut wir sind, und der Kollege uns ja nicht den Sympathie-Bonus wegschnappt oder noch eine Stunde mehr unbezahlte Überstunden schiebt und damit weiter vorn im Rennen liegt. Nur, was kommt dabei heraus? Immer noch hektischere und deshalb fehleranfällige Arbeit, ein schlechtes Betriebsklima und die selbstverständliche Erwartungshaltung des Chefs, dass wir immer noch früher kommen, noch länger bleiben und die Arbeit des entlassenen Mitarbeiters mit übernehmen. Das stramme Tempo lässt uns im Dauerstress leben: ständig erreichbar, niemals – wie das bei euch wohl früher war – Feierabend, bei dem man sicher sein konnte, dass nun Erholung angesagt ist, so gut wie nie mal Abstand von Arbeit und Technik.

Apropos Technik … Da sind wir selber schuld. Du hast schon recht, diese „Handy-eritis“, wie du sie nennst, macht uns unruhig: ständig nach neuen Nachrichten schauend, auch wenn sie noch so unwichtig sind und angefüllt mit unzähligen, meist nebensächlichen Nachrichten. Das lässt uns nicht mehr so präsent sein, nicht mehr so einander zugewandt und wertschätzend, wie unser Miteinander es eigentlich bräuchte. Mir ist das erst aufgegangen, als du dich bei deinem anderen Enkel, meinem Cousin, beschwert hast: „Du brauchst mich nicht mehr besuchen, wenn du sowieso nur die ganze Zeit in dein dummes Ding hineinstarrst und dich mit irgendjemand am anderen Ende der Welt unterhältst, anstatt mich anzuschauen und mit mir zu sprechen.“ Seither schalte ich das Handy aus und lasse es in der Tasche, wenn ich bei dir bin.

Auf neue Töne lauschen

Aber was ich dir eigentlich sagen wollte nach diesem langen Vorspann: Ich glaube, der Sinn des Lebens besteht nicht im rastlosen Tun, sondern im Sein. Und dafür möchte ich dir heute einfach mal danken, dass ich an deinem Sein teilnehmen darf. Dein Sein und So-Sein tut mir so unendlich gut! Dein friedliches Zimmer und deine ruhige, ausgeglichene Art lassen mich jedes Mal, wenn ich zu dir komme, innerlich still werden, auf neue Töne lauschen, gelassener und zufriedener wieder fortgehen. Ich fühle mich durch die Besuche bei dir gestärkt, sodass ich den Kampf mit „da draußen“ neu aufnehmen kann. Und das erlebe ich so, weil du eben gerade nichts tust: nicht herumwuselst und mir Kuchen aufträgst, Kaffee machst, für Programm sorgt usw., sondern weil du einfach dasitzt, nur für mich da bist, mir zuhörst, wie niemand sonst mir zuhört, auch meine Eltern nicht. Die sind ja selbst in diesem wahnwitzigen Leben zwischen Klingeltönen und „Wettbewerbs-Maschinerie“ gefangen und müssen sehen, wie sie durchkommen …

Liebe Oma, ich bin stolz auf dich! Ich bin froh, dass du deinen wohlverdienten Ruhestand nicht wie die Großeltern meiner Freundin Tamara auf Kreuzfahrten und zahlreichen Seniorensport-Partys verbringst, dass du dich nicht kleidest und schminkst, als ob du noch Jahrzehnte jünger wärst und mit Generationen vor dir mithalten müsstest. Ich freue mich, dass du immer da bist, wenn ich zu dir komme, und ich genieße es, wenn meine Freundinnen fragen: „Julia, warst du auf der Sonnenbank? Du wirkst so erholt!“ und ich dann sagen kann: „Nein, ich war bei meiner Oma!“

Oasen am Wegrand

Danke, Oma, dass du zu deinem Alter stehst. Dass du Tag für Tag aushältst, nicht mehr zu können wie ehedem. Wir Jungen brauchen euch Erfahrene und Bewährte als Rettungsanker in einer scheinbar hoffnungslos außengelenkten Welt, die uns auszuhöhlen und fertigzumachen sucht. Wir brauchen eure ruhige, freundliche Art, die das Leid gesehen und durchlebt hat und daran reif geworden ist. Helft uns innehalten! Seid für uns die Oasen am Wegrand, die Schatten spenden und die uns davon erzählen, dass es auf dieser Welt ganz andere, wesentlichere Dinge gibt als Ansehen, Geld, Besitz und Karriere.

Liebe Omi, ich umarme dich fest und freu mich schon jetzt auf meinen nächsten Besuch bei dir, du mein Rasthof auf den „Wahnsinns-Schnellstraßen“ dieses Lebens.

Deine Julia
Aus: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 2/2016

Zeitschrift: BEGEGNUNG

Aus: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 2/2016

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