Ich will (k)ein Heiliger werden
Heilige als Menschen, die einen Raum schaffen, in dem Gott wirken kann
von Klaus Heizmann
„In zwei Jahren will ich ein Heiliger werden“, so soll Max Brunner ausgerufen haben – einer der Jungen, mit denen Schönstatt begonnen hat.
Da hätte er aber Probleme bekommen, denn so einfach wird man schließlich nicht heilig. Und nicht nur deswegen lege ich es nicht darauf an, heilig zu werden. Diesen Titel zu bekommen, das hat man nicht in der Hand, abgesehen davon, dass man es erst im Himmel erleben würde. Aber immerhin – da wollte der Max Brunner ja auch hin. Die Titelverleihung dauert manchmal Jahrhunderte. Und da es hierfür inzwischen einen stattlichen Stab von Fachleuten in Rom gibt, wird das wohl so bald nicht schneller gehen.
Die möglichst zahlreichen Verehrer müssen beweisen, dass das Leben ihres Vorbildes wirklich vorbildlich war. Das alles wird gesammelt, und wie in einem ordentlichen Prozess gibt es auch einen Gegner, der das sehr kritisch prüfen soll. Schließlich waren etliche Heilige zu Lebzeiten im Exil oder sogar zeitweilig exkommuniziert. Der heißt immerhin „Advocatus Diaboli“ („Anwalt des Teufels“) – kleiner geht’s nicht, aber das ist ja nur für den Prozess. Will ich so mein Leben auf den Kopf gestellt haben?
Lobbyarbeit unerlässlich
Auf jeden Fall ist eine gründliche Lobbyarbeit nötig. Zu einer Lobbyarbeit gehört immer, dass man wohlwollende und vor allem einflussreiche Leute für seine Sache gewinnt. Manche haben eine kräftige Lobby und werden schnell heiliggesprochen.
Und dann wird sehr akribisch geprüft und untersucht, ob man nicht mindestens ein Wunder gewirkt hat. Man kann mit einem eindrucksvollen Leben Millionen von Menschen geholfen haben, ihr Leben besser zu gestalten, mehr Freude am Glauben zu finden – ohne Wunder nutzt das bei den Experten alles nichts. Ob es tatsächlich ein Wunder war, das entscheiden unabhängige Mediziner. Da ist es vorteilhaft, wenn es davon unter den Verehrern viele gibt. Aber sicher lässt sich der Heilige Geist das nicht ganz aus der Hand nehmen.
Was wollte aber Pater Josef Kentenich als junger Spiritual, wenn er bei der Gründung Schönstatts dazu aufrief, jeder müsse „den denkbar höchsten Grad standesgemäßer Vollkommenheit und Heiligkeit erreichen“? Heilige nur mit „Heiligenschein“?
Zum Heilig werden gehört Gnade
Bei meiner ersten Begegnung mit Schönstatt hat mich begeistert, dass es bei diesen Treffen um mehr ging als um ein Sportfest oder eine schöne Wallfahrt. Freiheit, Welt entzünden, weltweite Gemeinschaft …. Das hat wohl auch damals die Jungs im Studienheim um Pater Kentenich angesprochen und begeistert. Da hat ihnen jemand was Großes zugetraut – und das bei einer Hausordnung, welche sie eingeengt und klein gehalten hat. Zu dieser Vision konnten sie aktiv beitragen, aber nicht nur, um selbst in den Himmel zu kommen.
Ein Heiliger werden – kann ein Mensch das überhaupt selbst wollen? In das persönliche Ideal hineinwachsen wollen, aus dem eigenen Charisma heraus wirken wollen – einverstanden. Aber wie viel Geschenk, wie viel Gnade gehört dazu! Wenn ich eine Rückmeldung bekomme, dass ich jemandem gut getan habe, ihm helfen konnte – da freue ich mich. Ich möchte dieses alltägliche Wirken aber nicht als Schritt zur Heiligkeit sehen. Wo fängt der Stolz an? Kann ich auf mein Herzensheiligtum stolz sein, weil ich es so wohlgeordnet habe? Ich habe es ja nicht selbst gebaut, sondern der, der darin wohnen möchte.
Heilige schaffen Raum, in dem Gott wirken kann
Paulus war ein selbstbewusster Apostel, dem aber auch nichts zu viel war für seine – Achtung! – Heiligen. Seine „Heiligen“, so hat er die Menschen in den Christengemeinden begrüßt, wenn er ihnen geschrieben hat, zum Beispiel im Brief an die Römer und die Epheser. „Heilige“ – ohne Prozess, ohne Wunder. Sie hatten sich für Christus entschieden, damit waren sie noch lange keine Heiligen, haben sich noch gestritten oder waren manchmal nur lasche Gemeindemitglieder. Aber mit dieser Entscheidung unterschieden sie sich damals von ihrer Umgebung und haben dafür manches ertragen müssen, bis hin zum Tod. Paulus wollte ihnen bewusst ein Vorbild sein, aber nicht, um selbst berühmt zu werden, sondern um die Menschen für Christus zu gewinnen.
Wenn er sich also „heiligen“ wollte, dann nicht für sich selbst. Es gab ja auch noch keine Heiligenstatuen, geschweige denn geordnete Prozesse zur Heiligsprechung. Er kannte die Zusage Jesu: „…mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen“ (Joh 14,23) und gab diese Zusage als Fakt weiter: „Wisst Ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in Euch wohnt? …,denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr!“ (1 Kor 3, 16 f)
Papst Franziskus hat in seinem letzten, wenig beachteten Rundschreiben an die Bischöfe ein Fest der „Alltagsheiligen“ eingesetzt, einen Sonntag nach Allerheiligen. In diesem Rundschreiben charakterisierte er Heilige als Menschen, die einen Raum schaffen, in dem Gott wirken kann. Das gefällt mir. Wir werden den Raum vielleicht gar nicht bemerken, den wir selber bauen helfen. Da finde ich im 2. Johannesbrief wieder eine wichtige Zusage und Aufgabe: „Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet“ (1 Joh 4,12). Das ist doch eigentlich eine Heiligsprechung, nicht als Ziel, sondern als Basis für unsere Zeit der geschlossenen Kirchen! Diese Zusagen hat Pater Kentenich in dem Bild vom „Herzensheiligtum“ immer wieder als sein „Kerngeschäft“ betont.
Wir setzen in Schönstatt viel dafür ein, damit unser Gründer heiliggesprochen wird. Hoffentlich ist er der erste Heilige, der diesen Prozess ohne Bestätigung eines physischen Wunders übersteht, weil er so viele seelische Wunder gewirkt hat. Im Vertrauen auf die Gottesmutter durfte er für so viele Menschen wie ein Vater Raum schaffen, in dem Gott wirken konnte, weil er so viele Menschen angespornt hat, auch selbst dafür alles zu geben. Kein Wunder, dass so viele in ihm einen Heiligen sehen.
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Beitragsfoto: © Syed Sheraz Ahmed · stock.adobe.com

